60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jac Splinter

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

„My friend went to Chernobyl and all I got was this lousy T-shirt“. Welcher Freund würde ein solch geschmackloses Souvenir mitbringen, und welcher Freund würde ein solches auch tatsächlich tragen? Doch einen Augenblick innegehalten! – Obgleich die anderen T-Shirts dieser Art nur auf geschmacklose Weise die lächerliche Suche nach dem Pseudoexotischen beweisen, so liegt die Sache bei diesem knallroten Teil doch etwas anders.

Erstens wurde es in limitierter Auflage von fünfundzwanzig Stück vom Künstler Jac Splinter hergestellt. Zweitens kann man es nicht einfach behalten, sondern man muss sich selbst fotografieren, während man dieses T-Shirt trägt, das Foto an Splinter schicken (der diese dann jeweils am 26. April eines jeden Jahres ausstellt) und anschließend das T-Shirt an eine andere Person weitergeben.

Drittens ist die Sprache russisch und die Schrift in kyrillischen Lettern, was zur Folge hat, dass die Mehrzahl der Menschen gar nicht wird lesen können, was da geschrieben steht. Viertens werden diejenigen, die verstehen, was darauf geschrieben ist, schockiert von der Tatsache sein, dass Tschernobyl, der Ort, an dem eine der schrecklichsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte stattgefunden hat, bereits ein Vierteljahrhundert nach der nuklearen Explosion, welche große Teile der Welt verseucht hat, zum Ausflugsort für Touristen geworden ist.

Fünftens strahlen die Buchstaben im Dunkel, was auf Radioaktivität anspielt. Und was kommt dann als nächstes? In einer globalen Kultur, wo die Neuigkeiten nur fünf Minuten Neuigkeiten bleiben, kein Stein nicht gewendet und kein Landstrich unentdeckt geblieben ist, da ist es gut möglich, dass Katastrophentourismus das nächste „angesagte Ding“ ist. Wie weit sind wir von Ausflügen an die Strände Thailands oder Japans nach den Tsunamis entfernt, von einem Besuch der gefährdeten Regenwälder Brasiliens oder hinauf zu den höchsten Gipfeln, von denen aus wir das Schmelzen der letzten Gletscher bewundern können? „My friend went to Kilimanjaro and all I got was this lousy T-shirt“ könnte der nächste Spruch einer Reihe lauten, deren Ende sich unglücklicherweise nicht absehen lässt.

— Lori Waxman, 16. Juni 2012, 13.55 Uhr

“My friend went to Chernobyl and all I got was this lousy T-shirt.” What kind of a friend would buy such a tacky souvenir, and what kind of a friend would actually deign to wear it? But wait—though similar shirts provide tasteless evidence of a pathetic search for the pseudo-exotic, this bright red number is a little bit different.

For one, it was made in a limited edition of 25 by artist Jac Splinter. For two, you can’t keep it, but must photograph yourself wearing it, return the photo to Splinter for yearly exhibition on the April 26, and then pass the shirt along to the next person.

For three, the writing is in Russian and most people won’t be able to read it. For four, those who do understand will be shocked by the implication that Chernobyl, site of one of the worst disasters in the history of mankind, has become a tourist site a quarter century after the nuclear explosion that poisoned the world.

For five, the words glow in the dark, hinting at radioactivity. What’s next? In a global culture where the news cycle lasts five minutes and no rock has been left unturned, no land left dark, disaster tourism may in fact be the next big thing. How far is a visit to post-Tsunami beaches in Thailand or Japan from hikes through threatened rainforests in Brazil or up immense peaks to see the glaciers before they disappear entirely? “My friend went to Kilimanjaro and all I got was this lousy T-shirt” might be the next in a series that unfortunately promises no end.

—Lori Waxman 6/16/12 1:55 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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