60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Stefano di Bortoli

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Stefano de Bortoli ist ein ungemein versierter Zeichner. Wie leicht kann man sich in der technischen Virtuosität der Welten verlieren, die er in seinen erstaunlich detaillierten Bleistiftzeichnungen auf Papier und den Acrylmalereien auf Straußeneiern zu kreieren im Stande ist? Leicht kann das geschehen, es wäre vergnüglich ... und gefährlich.

Denn Bortoli ist Moralist, er sorgt sich um die globale Erwärmung, Genozide, Flüchtlinge und viele andere Formen von Traumata, welche die Welt in Bann halten. Wenn er ein altes Schiff an einem felsigen Strand darstellt, dann entspringt das Pittoreske dieses Bildes aus der List, die sich aus den unsichtbaren Toden all derer speist, die einstmals an Bord dieses Schiffes waren. Wenn er einen Eisbären portraitiert, wie dieser in einem grenzenlosen Meer an einem wolkenlosen Tag schwimmt, dann ist die Szenerie von der Tatsache überschattet, was denn ein Meer ohne Eis für ein Tier der Arktis bedeuten würde. Die Textteile von Bortolis „Pandora’s Box“, wie er einen Kessel voll mit bemalten Eiern nennt, scheint plump, verglichen mit den meisterhaft gestalteten Eiern selbst.

Doch ein solches Abgleiten lindert kaum das schmerzvolle und nur allzu reale Durcheinander, das Bortoli zugleich zeigt und heraufbeschwört – eine Wirrnis zwischen dem Idyllischen und dem Dystopischen.

— Lori Waxman, 11. August 2012, 16.11 Uhr

Stefano de Bortoli is a tremendously skilled draftsman. How easy it would be to get deliriously lost in the technical virtuosity of the worlds he fashions in astonishingly detailed pencil drawings on paper and acrylic paintings on ostrich eggs—easy, pleasurable, and dangerous.

For Bortoli is a moralist, concerned with global warming, genocide, refugees and the many other forms of trauma that affect our world. When he depicts an old ship beached on a rocky shore, its picturesqueness is a ruse against the invisible deaths of those who were once on board. When he portrays a polar bear swimming in an endless sea on a cloudless day, the beauty of the scene nearly overshadows the fact that a sea without ice means death to an arctic creature. The textual components of Bortoli’s “Pandora’s Box,” as he calls his crate full of painted eggs, are clumsy compared to the masterly eggs themselves.

But this lapse just barely diminishes the painful, and all too real, confusion that Bortoli both depicts and evokes between the idyllic and the dystopian.

—Lori Waxman 8/11/12 4:11 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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