60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Susanne Nickel

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein Taschentuch wird dazu benutzt, um mit Sorgfalt und Eleganz Körperflüssigkeiten aufzunehmen. Zumindest scheint uns dies heute so, wo derlei Gegenstände kaum mehr Verwendung finden und durch die billigsten Formen von Papiertüchern ersetzt wurden. Doch zuweilen bietet sich auch heute noch Gelegenheit, ein solches Stofftaschentuch sogar einer Fremden anzubieten.

Und genau das tut Susanne Nickel mit ihrem Künstlerbuch „Eine Geschichte“. Die Fremde ist in diesem Fall die rumänische Dichterin Aglaja Veteranji, die ein Gedicht mit gleichnamigen Titel verfasst hat und deren schweres und von Depression gezeichnetes Leben zweifellos ein solche Geste eines verständnisvollen Geistes rechtfertigt. Nickel hat Veteranjis Gedicht – das die quälend spärliche Geschichte einer Frau, eines Mannes, eines Tisches und eines Auges erzählt – auf drei bestickte Taschentücher, die auf einem Flohmarkt erstanden wurden, übertragen.

Neben den Worten der Dichterin hat Nickel Zeichnungen von inneren Organen gesetzt, die sie dann sorgfältig weiß und blutrot bemalt hat, so als ob diese gerade gesäubert worden wären. Die Worte und die Buchstaben sind unauffällig gehalten, die Taschentücher hübsch aber schlicht, die Körperteile detailliert und fleischig, doch auch klinisch-hygienisch. Dennoch ist die Geschichte keineswegs so ordentlich und simpel, wie die Form der Darstellung nahe legt. Denn das sind Geschichten nur ganz selten.

— Lori Waxman, 16. Juni 2012, 16.54 Uhr

A handkerchief is used to wipe up bodily spills with care and elegance, or so it seems today when such delicate materials have fallen out of use, replaced by the cheapest, thinnest tissue paper.

One might be most graciously offered to a stranger, still, as Susanne Nickel has done in her artist book “Eine Geschichte.” The stranger is the late Romanian poet Aglaja Veteranji, who wrote the eponymous poem, and whose hard, depressed life certainly warranted a kind offer from an appreciative spirit. Nickel transcribes Veteranji’s poem, which tells the agonizingly spare story of a woman, a man, a table and an eye, onto three clean, lacy flea market hankies.

Alongside Vateranji’s words are Nickel’s drawings of internal organs, tidily painted in white and blood red, as if already cleaned up. The words and lettering are basic, the handkerchiefs pretty but plain, the body parts detailed and fleshy but sanitary. And yet, the story is not at all so neat and simple as its presentation pretends. Stories rarely are.

—Lori Waxman 6/16/12 4:54 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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