60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Sylvain Bourdoux

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

In der Kunstgeschichte gab es einmal eine Zeit, als die Nackten als mythologische Figuren sich zeigten, und das war dann so in Ordnung. Keinesfalls eine nackte Hure, das ging gar nicht, aber eine nackte Athene war kein Problem. Vielen Dank auch an Euch und Eure Libido.

Auch exotische Damen in einem Harem gingen in Ordnung. Historische Gemälde waren am besten, aber auch Portraits bedeutender Personen waren ziemlich wichtig. Durch sein geschmeidiges, blockartig gemaltes Bild eines nackten Mannes in einer leeren Bibliothek, der gerade seine Laufschuhe mit Flügeln zubinden will und dabei ein Bein auf einen Ludwig-wieviel-auch-immer Hocker stützt, gelingt es Sylvain Bourdoux möglicherweise, diese Geschichte aufs Korn zu nehmen und auf den neuesten Stand zu bringen.

Ich schreibe „möglicherweise“, da er den Titel des Bildes nicht preisgeben will, denn er möchte wissen, ob sich seine allegorische Komposition auch ohne Worte vermittelt. Das ist einleuchtend. Was sich erschließt ist der Umstand, in welchem Maße heute Sportler zu Persönlichkeiten geworden sind und wie viel mehr Chancen ein schwarzer Mann hat bedeutend zu werden, wenn er Sportler ist. Doch auch wie sehr zugunsten des Körpers auf den Geist in einem solchen Szenario verzichtet werden kann, egal von welcher Tiefe ein solcher Geist auch sein mag.

Es ist auch möglich, dass hier etwas von der Politik der Umkleidekabinen mitschwingt, die unausgesprochene Homoerotik des Sports. Schließlich hängt der Penis dieses Mannes genau in der Mitte dieses Gemäldes. Was meinst Du also, Sylvain? Wie nennt sich das?

— Lori Waxman, 11. Juli 2012, 17.11 Uhr

Once upon another time in art history, nudes were presented in the guise of mythological figures and that made them okay. A naked prostitute was a big no-no, but a naked Athena was just fine, thank you and your libido very much.

Exotic ladies in a harem were kind of alright, too. History paintings were the best, but portraits of important people were also plenty important. In his smooth, blocky painting of a naked black man in an empty library about to lace up his winged running shoe, which perches on a Louis-the-whatever bench, Sylvain Bourdoux might be skewering and updating this history.

I write “might be” because he does not wish to divulge the title, wanting to know if his allegorical composition communicates without words. Fair enough. What it conveys is something about how athletes have become the celebrated personages of today, and how much more of a chance a black man has of becoming important if he takes the form of an athlete. And how much the mind is ignored in favor of the body in this scenario, regardless of the quality of the mind. There might also be something here about locker-room politics, and the unspoken homoeroticism of sports. The man’s penis hangs dead-center in the picture after all. So, Sylvain, what do you say? What’s it called?

— Lori Waxman 7/11/12 5:11 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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