60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Sylvia Krüger

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die Vereinbarkeit von Mutterschaft und dem Kunstschaffen ist nicht einfach gegeben, doch es ist auf schmerzliche Weise unumgänglich, über solche Möglichkeiten nachzudenken.

Sylvia Krüger ist Weberin und Mutter eines Jungen, der nächste Woche drei Jahre alt werden wird. Zurzeit erarbeitet sie ihre eigenen Antworten auf komplizierte Frage dieses Verhältnisses. Das scheint mehr eine Notwendigkeit zu sein, als eine Wahl, so wie es dies auch auf ähnliche Weise Anfang der 70er Jahre für feministische Künstlerinnen wie Mierle Laderman Ukeles und Mary Kelly galt. Krüger arbeitet wie ihre Vorgängerinnen mit und in ihrem häuslichen Umfeld und Alltag. Sie zerkleinert gebrauchte Tischtücher und webt sie wieder neu zusammen, sie stickt nächtliche Träumereien auf ihr Kissen (wenn schließlich genug Ruhe eingekehrt ist, um Erwachsenengedanken zu haben), sie schafft das Bild eines Hauses als eine Art feministisches Portrait, sie spinnt Garn an einer Spindel auf einem Plattenspieler und markiert so das beständige Vergehen der Zeit, sie schnitzt aus gefundene Stöckchen hunderte von Garnspulen, und sie gestaltet sogar konventionelle, an Märchen erinnernde Bildteppiche.

Ein Kind aufzuziehen ist nicht einfach, und noch schwieriger ist es, wenn man gleichzeitig auch noch Kunst schafft. Krüger zeigt diese Spannungen mit großer Ehrlichkeit auf, wenn sie einen aufreibend chaotischen Wandteppich wieder zerschneidet, dem Plattenspieler endlos sich zu drehen erlaubt und die wütenden Holzschnitzel, die beim Schnitzen angefallen sind, einfach am Boden liegen lässt, mit drei Küchenmessern gleich daneben. Es hat etwas Erlösendes, wenn diese Gesten und Materialien sich vereinigen um Werke der Kunst hervorzubringen.

— Lori Waxman, 15. September 2012, 14.09 Uhr

The compatibility of motherhood and art making is not a given, but it is excruciatingly important to raise as a possibility.

Sylvia Krüger, a weaver and the mother of a boy who will turn three next week, is currently working out her own answers to its complicated questions. This feels like more of a necessity than a choice, as it similarly was for feminist artists like Mierle Laderman Ukeles and Mary Kelly beginning in the 1970s. Krüger, like her predecessors, works with and in her domestic and quotidian environment: she shreds and re-weaves used dishtowels; embroiders nighttime musings into her pillow (when finally there is enough quiet to think adult thoughts); builds the image of a house as a kind of feminist portraiture; spins yarn on a record-player bobbin, marking the constant passage of time; carves found sticks into hundreds of spools; and even fashions conventional, fairy-tale like tapestries.

It is not easy to raise a child, and it is even more difficult to do this while making art; Krüger reveals these tensions with great honesty when she cuts up an unsettlingly chaotic tapestry, allows the record player to spin endlessly, and leaves the angry wood chips of her whittling spread across the floor, with three kitchen knives nearby. Redemption comes when these gestures and materials join together to form works of art.

—Lori Waxman 9/15/12 2:09 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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