60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Tom Tiggemann

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wie interveniert man bei der dOCUMENTA (13), einer Ausstellung, die sich über das Gebiet einer ganzen Stadt erstreckt und sich mit der Heterogenität kreativer Praktiken beschäftigt und die auch – auf paradoxe und zugleich notwendige Weise – dadurch bestimmte Begrenzungen erzeugt? Ein paar Leute haben vor dem Fridericianum ein Camp errichtet.

Tom Tiggemann hat sich ein paar subtilere Praktiken einfallen lassen (zumeist unter dem Alias AWOC, was in hohem Maße an AWOL [„absent without leave“, militärsprachlich für abwesend, ohne sich abgemeldet zu haben] erinnert). Er ergänzte die offiziellen dTOURS durch inoffizielle, organisierte Spoken-Word-Events für Flüchtlinge, führte umfangreiche Notizbücher, brachte alle seine Unternehmungen gesammelt zu mir, um sie öffentlich rezensieren zu lassen. Und er tat noch vieles mehr, was er für sich beansprucht oder auch nicht.

Jede dieser Unternehmungen spiegelt Praktiken, die schon im kuratorischen Rahmen der eigentlichen Ausstellung ihren Platz gefunden hatten: Die Touren von Walid Raad, die Dichterlesungen am Hauptbahnhof, das Offene Haus des Critical Art Ensembles, René Gabris virtuose Notizbücher 100 Notizen – 100 Gedanken, die als Publikationsreihe erschienen. Der Unterschied zwischen diesen offiziellen Produktionen und Tiggemanns interventionistischen liegt nicht im traditionellen Begriff von Qualität oder fällt in den Bereich elitistischer Ausschluss, es geht viel eher um eine Frage privater Verschwiegenheit. Schließlich entschied sich Tiggemann dafür, dass seine Notizbücher – darunter ein wunderbares aus durchsichtigem Papier – nicht öffentlich ausgestellt werden sollen.

Eine solche Möglichkeit blieb den Teilnehmern an der dOCUMENTA (13) verwehrt.

— Lori Waxman, 15. September 2012, 12.20 Uhr

How do you intervene in dOCUMENTA (13), a citywide exhibition that is about the heterogeneity of creative practice, and which also, both paradoxically and of necessity, establishes certain limits? Some folks set up camp in front of the Fridericianum.

Tom Tiggemann engaged in a number of subtler practices, often under the alias AWOC, which looks a lot like AWOL: extending his official dTOURS into unofficial ones; organizing spoken word events for refugees; keeping copious notebooks; bringing the entirety of this engagement to me for public review; and many more acts, claimed and unclaimed.

Each of these gestures mirrors practices already curated into the exhibition proper: Walid Raad’s tours, poetry readings at the Hauptbahnhof, Critical Art Ensemble’s open house, René Gabri’s virtuosic notebooks, the 100 Notes – 100 Thoughts publication series. The difference between these official products and Tiggeman’s interventionist ones is not the traditional one of quality nor the elitist one of exclusion; rather it is a question of privacy. Ultimately, Tiggeman decided that his notebooks, including a beautiful one on translucent paper, were not for open public exposition.

This was not a possible choice for any participant in dOCUMENTA (13).

—Lori Waxman 9/15/12 12:20 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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