60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Timo Lotz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Zum Teil versteht sich die Kunstgeschichte als Geschichte des Genies, sie ist Geschichte des einsamen Künstlers, der fiebrig in seiner Dachkammer arbeitet. Zurzeit ist dieses mythologisierende Verständnis des Künstlerdaseins unpopulär, doch Werk und Leben des abstrakten Malers Timo Lotz schlagen hier ein ergreifendes neues Kapitel auf. Lotz ist der schrecklich talentierte Schöpfer von großen, intensiv gestalteten und farbig-lebendigen Gemälden. Er ist auch Autist. Er pflegte nichts anderes als Streifen zu malen, jetzt aber entwirft er mit blockiger Genialität. Er malt von links nach rechts und verlässt das Atelier – Karl Biedas Atelier Amos – erst, wenn er mit seinem Werk fertig ist. Das heißt, erst nachdem er die gesamte Leinwand mit Farbe bedeckt hat, mit den dynamischen Farben, die er selbst anmischt, manchmal sogar auf der Rückseite der Bilder. Das Ergebnis ist teils Farbenlehre des Bauhaus, aber ohne der Lehre, teils abstrakter Expressionismus, aber ohne Existenzialismus, teils Neoexpressionismus, aber ohne hochtrabende Symbolik. Kurz gesagt arbeitet Lotz mit Entschlossenheit und Inspiration, aber ohne Anspruch. Und malen, das kann er ungemein gut.

 

— Lori Waxman, 13. August 2012, 16.03 Uhr

 The history of art is in part a history of genius, of the lone artist at work feverishly in his garret. This mythologizing understanding of the artist has become unpopular in recent times, but the work and life of abstract painter Timo Lotz propose a stirring new chapter. Lotz is the formidably talented creator of large, intensely marked, vividly colored canvases. He is also autistic. He used to paint only stripes, but now composes with a blocky ingenuity. He paints from left to right and will not leave the studio—Karl Bierda’s Atelier Amos—without finishing his work. This means covering the entire canvas and using up all of the vibrant colors he’s mixed himself, sometimes even on the reverse of the picture. The results are part Bauhaus color theory, minus the theory; part Abstract Expressionism, minus the existentialism; part Neo Expressionism, minus the grandiose symbols. That is to say, Lotz works with determination and inspiration but without pretension. And he can paint tremendously well.

 

—Lori Waxman 8/13/12 4:03 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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