60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ulrike Lemke

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Das Haar auf unseren Köpfen ist tot, doch zugleich ist es auch lebendiger Bestandteil unserer Körper. Es tut nicht weh, wenn man es abschneidet, doch manchmal weinen wir trotzdem, wenn das passiert. Samson war nicht der einzige, der Angst hatte, seine Kraft gemeinsam mit seinen Locken einzubüßen. Das geht den meisten unter uns auch so, entweder als junge Mädchen, die das Haar lang und samtig, wie bei ihren Puppen, wachsen lassen möchten, oder als ältere, die darüber nachdenken, was es wohl bedeuten mag, dass es grau wird.

Ulrike Lemke weiß das alles, und sie weiß noch mehr. Dreißig Jahre lang war sie Friseuse und in den letzten fünf Jahren hat sie das, was bei ihrem Job der Schere zum Opfer fiel gesammelt und in kleinen Vitrinen aus Holz verwahrt. Der Vorgang und die Materialien sind einfach, doch der Effekt könnte nicht aufgeladener sein. Identität, Altern, Gesundheit und Schönheit bestimmt unsere Leben und hier kann man sie finden, in Behältern gebündelt, gleich Reliquien. Manche liegen säuberlich zusammengedreht, wie Zwirnknäuel, andere wiederum sind in die Vitrinen gestopft und pressen sich gegen das Glas.

Menschliches Garn war ein vermarktbares Produkt des Holocaust; volles Haar fällt vom Kopf der Chemotherapiepatienten. Fließende goldene Locken, die ein hübsches Gesicht einrahmen, helfen mit, Shampoos zu verkaufen, doch diese Locken hier wallen nicht länger.

— Lori Waxman, 16. Juli 2012, 17.43 Uhr

The hair on our heads is dead, but it is also a living part of our bodies. It doesn’t hurt to have it cut, but we often cry anyway. Samson wasn’t the only one who feared losing his power along with his locks. Most of the rest of us do too, whether we’re young girls trying to grow long, silky hair like our dolls or older ones trying to decide what it means to go grey.

Ulrike Lemke knows this and more. A hairdresser for thirty years, she has for the past five collected the clippings of her day job and assembled them in small wooden vitrines. The process and materials are simple enough, but the effect could not be more loaded. Identity, aging, health and beauty rule our lives, and here they are, bundled into boxes like reliquaries. Some are twisted neatly, like balls of yarn, while others are crammed in, pressed up against the glass.

Human yarn was a marketable product of the Holocaust; full heads of hair fall from chemotherapy patients. Flowing golden locks attached to pretty faces sell shampoo, but these locks aren’t flowing anymore.

— Lori Waxman 7/16/12 5:43 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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