60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Walter F. Binder

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Es gibt zwei Arten von Surrealismus. Denjenigen, der von Salvador Dalí auf schätzenswerte Weise praktiziert wurde, und welcher phantasmagorische Landschaften bis ins peinlich genaue, realistische Detail abbildete. Beim anderen, der von der Mehrzahl der Surrealisten betrieben wurde, doch ganz besonders von Joan Miró, wird versucht, beim Betrachter durch abstrakte Kompositionen traumartige Erfahrungen auszulösen. Die Gründe für diese Spaltung gehen zur Gänze auf André Breton zurück und haben mit Walter F. Binder gar nichts zu tun.

Das ist gut für Binder, denn beinahe fünfundachtzig Jahre, nachdem Breton sein Manifest verfasst hat, kann Binder machen, was ihm auch immer gefällt. Und was er macht ist malen, und zwar traumartige Landschaften wo wolkenlose blaue Himmel und Wüstenflächen den Blick auf Visionen von etwas freigeben, das beinahe Figur ist und vielleicht Ruine. Ebenso füllt er Leinwände mit Klecksen und Flecken jeder Art von Farbe und überlässt es den Betrachtern, in diesen ihre je eigenen Vorstellungen zu entdecken. Was es dort zu sehen gibt hängt von Dir ab, oder von dem jeweiligen Trip, auf dem Du gerade bist. Breton würde sich im Grab umdrehen, doch das spielt kaum mehr eine Rolle.

Unsere Welt ist nicht länger eine der Manifeste, und ein Maler wie Binder kann seine Traumbilder so frei empfangen und verteilen, wie es ihm beliebt.

— Lori Waxman, 18. August 2012, 17.10 Uhr

There are two kinds of Surrealism. In one, practiced most estimably by Salvador Dali, phantasmagorical landscapes are depicted in minute, realistic detail. In the other, practiced by the majority of Surrealists but especially Joan Miró, dreamlike experiences are induced in the viewer through abstract compositions.

The reasons for this split have everything to do with André Breton and nothing at all to do with Walter F. Binder, and so much the better for Binder, because some eighty-five years after Breton wrote his manifesto, Binder can do whatever he damn well pleases. And what he does is paint dreamlike landscapes where cloudless blue skies and desert expanses give way to visions of almost figures and maybe ruins. He also fills a canvas with splotches and blurs of every color, leaving it up to the viewer to have his or her own vision. What you see there is up to you, or the particular trip you’re on. Breton is turning in his grave, but it hardly matters anymore.

Ours is no longer a world of manifestoes, and a lone painter like Binder can give and receive his visions freely.

—Lori Waxman 8/18/12 5:10 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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