60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Werner Jahn

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Man kann solange es einem beliebt Werner Jahns „Split Figure“ betrachten, man wird sie nicht finden. Das hoch gestreckte, viereckige Ölgemälde zeigt sanfte Kurven, die eine weibliche Form nahe legen, dreht man das Bild jedoch zur Seite, dann ist es als bewegte Landschaft genauso überzeugend.

Doch weder das eine noch das andere ist tatsächlich da. Es ist nur das menschliche Begehren, das in ihm derlei Erkennbares festmachen will. Was offensichtlich ist, sind die Farben Rot und Blau und das Purpur das entsteht, wenn sie sich überlagern, doch gerade an welcher Stelle eine solche Überlagerung stattfindet, bleibt trefflich unbestimmt. Jahn ist so etwas wie ein Meister der subtilen Abstufung, er produziert leichte Änderungen in der Farbtönung, welche die Leinwand anschwellen und sich wieder zusammenziehen lässt. Deshalb ist es womöglich kein Zufall, dass er als Chemiker arbeitet, wenngleich auch Berufe wie der eines Philosophen oder Arztes passend wären.

Das Gemälde ist von den Schwingungen einer Art Ontologie durchzogen, vom Anhub des Lebens, dem Augenblick der Kreation – nicht so sehr eines menschlichen Wesens, sondern eines Wesens des Kunstwerks.

— Lori Waxman, 1. August 2012, 14.26 Uhr

Look all you want for the person in Werner Jahn’s “Split Figure,” but you won’t find her. The tall, rectangular oil painting features gentle curves that suggest a female form, but turn the painting on its side and they become equally suggestive of a rolling landscape.

Neither is definitively present; the human desire to locate something recognizable just makes them so. What is palpable are the colors red and blue, and the purple that they make when they come together, though exactly where that intersection lies is poignantly ambiguous. Jahn is something of a master of subtle gradation, generating slight shifts in hue that in turn cause the canvas to swell and to contract. It is perhaps no coincidence, then, to learn that he works as a chemist, though a philosopher or a medical doctor would be equally fitting professions.

The painting resonates with a sense of ontology, of the beginning of life, of the moment of creation—not so much of a human being as of a work of art.

—Lori Waxman 8/1/12 2:26 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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