60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Winfried Olischläger

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Wie teilt man die Essenz einer Landschaft mit? Muss ein Bild so viele Details als möglich enthalten, so akkurat wie nur möglich sein? Soll es einen allgemeinen Eindruck eines geografischen Zustands liefern oder auf eine malerische Komposition abzielen? Soll das Blattlaub mit der Genauigkeit von Pinselstrichen festgehalten werden oder bietet sich die Kollage an?

Durch zwei sehr unterschiedliche Formen von Zeichnungen nähert sich Winfried Olischläger diesen Fragen an. Die erste ist eine nummerierte Skizze, mit Grafit- und Wasserfarbenstift auf Papier. Eine Mauer, Gräser und Bäume finden sich im Vordergrund. Ein kleines Dorf in der Mitte, und im Hintergrund eine Bergkette. Drei Laubblätter, die auf die Seite geklebt sind, verdeutlichen die naturalistische Absicht des Bildes und legen nahe, dass es vor Ort geschaffen wurde.

Das ist alles schön und gut, doch man wird nicht unbedingt das Bedürfnis empfinden, diesen Ort besuchen zu wollen. Es mag alles ganz präzise abgebildet sein, doch das macht es nicht zu etwas Besonderem. In der Tat ist es eher so, dass es gewöhnlich bleibt. Aus Olischlägers tollen Digitalbilder ähnlicher ländlicher Landschaften, dringen hingegen die erstaunlichsten Melodien hervor. Bäume schlagen in feurigem Rot und keckem Blau Krawall. Berghänge schillern violett und smaragdgrün. Der Wind macht aus Büschen olivfarbene Wirbel, mischt Purpur mit Grün.

Ein sich verzweigender orangefarbener Pfad führt von hier nach da – und das ist ein Weg, dem man folgen muss.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 16.07 Uhr

How to communicate the essence of a landscape? Must a picture include as many details as possible, as accurately as possible? Should it give an overall sense of the geographic situation or aim for a picturesque composition? Ought the specificity of foliage be noted with brush or with collage?

In two very different types of drawings, Winfried Olishläger attends to these questions. The first is a numbered sketch, done with graphite and watercolor pencil on paper. A wall, grasses and trees populate the foreground; a small village the middle; a mountain range the rear. Three leaves pasted to the page testify to the naturalistic intentions of the image and suggest that it was drawn on site.

That’s all fine, but you won’t feel any particular need to visit this place. It may be precise, but that doesn’t make it extraordinary. In fact it keeps it ordinary. Olischläger’s jazzy digital images of similar countryside vistas, by contrast, sing with the most extraordinary of melodies. Trees riot in fiery red and bold blue. Hillsides dazzle in violet and teal. The wind stirs bushes into whorls of olive, mixing purple with green.

A meandering orange path leads from here to there, and that is the path to follow.

— Lori Waxman 7/11/12 4:07 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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