60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Wolfgang Kowar

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wolfgang Kowar macht aus Platten gefundener Werbeplakate Kunst. Manchmal sind die dabei übereinander geklebten Schichten einige Zentimeter dick. Mit einer solchen Décollage befindet er sich in guter Gesellschaft, denn dies steht in der Traditionslinie der Affichisten wie Jacques de la Villeglé und Raymond Hains.

Doch wie jeder Nachfahre von Interesse imitiert auch er die Älteren nicht, sondern eignet sich deren künstlerische DNA an und fügt dieser etwas von seiner eigenen Kodierung hinzu. Während die Affichisten die Plakate einfach von den Pariser Wänden abrissen und so wie sie waren benutzten, schneidet Kowar und verändert, begeht nicht den Fehler, die Radikalität roher, einfach vorgefundener Kunst, so wie sie in den 60er Jahren praktiziert wurde, immer noch den Stellenwert einzuräumen, den sie damals besaß. Im Gegensatz dazu erhält Kowar sein Material direkt von der Firma, die damit beauftragt ist, die Litfasssäulen in Hannover zu säubern. Anschließend schneidet er die gebogenen Blöcke auf die gewünschte Größe zurecht und beginnt mit der bildhauerischen Arbeit, indem er die verschiedenen Maserungen und Schichten freilegt, so als ob er es mit Holz oder Stein zu tun hätte und nicht mit dicht gepresstem, kommerziellen Abfällen.

Die so entstehenden Reliefs sind doppelseitig und fesselnd, sie zeigen Worte und Farben, Muster und Formen, die eine genuine Archäologie unserer urbanen und kapitalistischen Zeiten sichtbar machen.

— Lori Waxman, 22. August 2012, 15.10 Uhr

 

Wolfgang Kowar makes art from slabs of found advertising posters, sometimes layered an inch thick. In this practice of décollage he is in good company, functioning in line with the Affichistes before him, including Jacques de la Villeglé and Raymond Hains.

But like any worthwhile descendent, he does not imitate his elders so much as take their artistic DNA and add some of his own coding. Where the Affichistes tore posters straight off the walls of Paris streets, using them as is, Kowar cuts and alters, making no mistake about the diminished radicalness of raw found art in the past 60 years. Instead, Kowar gets his material direct from the company that removes it from advertising columns in Hannover. He then slices the curved blocks down to size and begins a sculpting process, revealing different grains and strata, as if he were working with wood or stone instead of dense commercial detritus.

The resulting reliefs are two-sided and engrossing, revealing words and colors, patterns and forms that exhibit a genuine archaeology of our urban, capitalist times.

—Lori Waxman 8/22/12 3:10 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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