60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Wolfgang Loewe

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wie wäre es, lebte man auf einer Betonplattform, bis zum Bersten voll mit Gebäuden, die sich übereinander türmen, während diese Plattform auf einem unsicheren und wackeligen Gerüst von Stäben aufruht? Mit seinen architektonischen Skizzen legt Wolfgang Loewe nahe, dass wir tatsächlich schon so leben, in einer Gesellschaft, die durch ihren Mangel an Werten instabil geworden ist. Er verleiht dem auch skulptural Ausdruck, wenn er Betonkuben auf den Scheitelpunkt dutzender Baumzweige setzt, wo sie dann auf beunruhigende aber auch magische Weise ihr Gleichgewicht halten.

Man merkt hier die Kritik, jedoch auch den Hinweis auf ein besseres Leben und zwar in dem Sinne, wie es Künstler und Sozialwissenschaftler erstmals um die Mitte des 20. Jahrhunderts im Blick hatten, als der Begriff der Psychogeografie eingeführt worden war. Wir sind tief greifend von unserer physischen Umgebung beeinflusst, von Funktion und Form unserer gebauten Umwelt, den Verpflichtungen und Vorschlägen der Stadtplanung. Miserables Design bestimmt eine miserable Welt, doch besseres Design könnte zu einer besseren Welt beitragen. Loewe vergegenwärtigt dies mit seiner letzten Skulptur, wo kleine Menschen freudig oben auf einem Betonsockel stehen, der durch die Luft fliegt und frei fliegende Zweige hinter sich her zieht.

Doch leider ist diese Skulptur unvollendet geblieben, ihre Gestaltung bislang unmöglich ... doch wenigstens nicht unvorstellbar.

— Lori Waxman, 13. Juni 2012, 16.02 Uhr

What would it be like to live on a concrete platform, full to the point of collapse with building stacked above building, the whole teetering precariously atop a rickety scaffolding of sticks? In his architectural sketches, Wolfgang Loewe maintains that indeed we already do live this way, in a society made instable by its lack of values. He suggests this sculpturally as well, leaving concrete cubes to balance ominously but also magically at the apex of dozens of tree branches.

There is critique here but also the possibility for a better life, in the sense that artists and social scientists have intended it since the notion of psychogeography was first defined in the mid-20th century. We are deeply influenced by our physical surroundings, by the function and style of the built environment, the obligations and suggestions of urban planning. Lousy design makes for a lousy world, but better design might make for a better life. Loebe envisions this in a final sculpture, where small people stand joyously atop a concrete plinth that flies through the air, trailing unfettered branches behind.

Alas, the sculpture remains unfinished, its presentation so far impossible…but at least not unimagined.

—Lori Waxman 6/13/12 4:02 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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