60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Wolfgang Meyerhoff

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Für den Hobbymaler sind Wasserfarben das perfekte Medium. Anspruchsvoll, aber durchaus zu meistern. Im Idealfall können wunderbar schimmernde Hauttöne geschaffen werden und durchsichtige Himmel. Was also soll man malen? Wolfgang Meyerhoff, der sich seit seinem fünfzehnten Lebensjahr – das heute beeindruckend lange zurückliegt – dieser Aufgabe widmet, portraitiert eine Unzahl von Gegenständen: von Landschaften über tropische Tiere bis hin zu mittelamerikanischen Artefakten. Manche Vorlagen zu den Bildern stammen aus der Natur, andere wiederum wurden von Fotografien abgemalt. Er malt auch Aktdarstellungen, meistens weibliche und zuweilen auch männliche, und hier fängt es an spannend zu werden – und seltsam. Meyerhoff schafft Wesen, die zugleich menschlich und tierisch sind, sie wirken exotisch und doch vertraut, verführerisch, aber auf groteske Weise. Eine Tiger-Frau umarmt sich selbst, ihr schwarz gestreifter Körper ist nackt, ihr Torso breit und stark wie der eines Tieres. Eine andere posiert als Odaliske, ihr Rückgrat setzt sich in einem steifen gestreiften Schwanz fort. Da sie dem Betrachter den Rücken zuwendet, bleibt ihr Gesicht verborgen und man fragt sich, ob sie Fangzähne zeigen wird, wenn sie lächelt. Wasserfarben mögen etwas für den Hobbymaler sein, das heißt aber nicht, dass die Bilder dann auch sanft sein und dem Klischee entsprechen müssen. Wasserfarben, das beweist Meyerhoff mit seinen extravaganteren Bildern, können beißen.

— Lori Waxman, 6. Juni 2012, 15.00 Uhr

Watercolor is a perfect medium for the hobbyist. Challenging but ultimately manageable, at its best it is capable of the shimmeriest skin tones and the most translucent of skies. What, then, to paint? Wolfgang Meyerhoff, who has been at it since he was fifteen years old, which is by now an impressively long time, portrays a range of subjects, from landscapes to tropical animals to Mesoamerican artifacts. Some of these are painted from life studies, others from photographs. He also pictures nudes, women and the occasional male, and this is where things start to get interesting—and strange. Meyerhoff creates creatures at once human and animal, exotic yet familiar, seductive but grotesquely so. A tiger-woman embraces herself, naked but for a body striped with black, her torso wide and strong like an animal’s. Another poses as an odalisque, her spine ending in a stiff, striated tail. With her back turned, her face remains a mystery, and one has to wonder—when she smiles, will she bear fangs? Watercolor may be for the hobbyist, but that doesn’t mean it must be gentle or clichéd. Watercolor, as Meyerhoff reveals in his more outré pictures, can bite.

—Lori Waxman6/6/12 3:00 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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