60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Wolfgang Nickel

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Seit dem Mittelalter schmücken Buntglasfenster die Kirchen, erzählen Geschichten und schaffen Stimmungen, indem unterschiedliche Stücke farbigen Glases in Beziehung gesetzt werden.

Wolfgang Nickel arbeitet mit einer relativ neuen Technik, wobei Farbe auf Schichten von Glas aufgebracht wird und dann in speziellen Brennöfen gebrannt. Ergebnis ist eine Neuerfindung der Tradition, singuläre Elemente werden geschaffen, in welchen scheinbar ätherische Designs organisch gewachsen sind. Nickel geht dabei sogar noch weiter, indem er Anleihen bei Entwürfen aus Kirchen nimmt und Muster als „Ways of Contemplation“ und „Paradise is Everywhere“ einbettet, so als ob eine Verschmelzung nicht allein auf dem Glas stattfände, sondern auch zwischen den Glasarbeiten und ihrem architektonischen Kontext. Als Fragmente und Schichtungen mangelt es diesen Motiven am Gewicht und der Dauerhaftigkeit, die man von diesen ältesten institutionellen Strukturen erwartet. Sie sind verbrannt und verblichen, sie sind fragil, sie sind Ruinen.

Eine Kirche müsste wohl viel Mut und Ehrlichkeit aufbringen, solche Fenster an ihre Wände zu hängen.

— Lori Waxman, 1. August 2012, 12.02 Uhr

Stained glass windows have decorated churches since medieval times, telling stories and setting moods through the joining together of different pieces of colored glass.

Wolfgang Nickel practices a relatively new technique wherein paint is applied to layers of glass and then fused to it in a special kiln. The effect entirely reinvents the tradition, creating a singular element in which ethereal designs seem to have grown organically. Nickel goes even further, borrowing from church blueprints in the patterns embedded in “Ways of Contemplation” and “Paradise is Everywhere,” as if a fusion had occurred not just in the glass but between the glass and its architectural context. Fragmented and layered, the motifs have none of the weight and permanence expected of the oldest of institutional structures. They are burned and faded, they are fragile, they are ruins.

A church would have to be extraordinary brave and honest to hang these windows on its walls.

—Lori Waxman 8/1/12 2:02 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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