60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Yi-Ping Hou

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Yi-Ping Hou und ich haben zwanzig Minuten lang Oolong Tee getrunken. Das ist Bestandteil eines Kunstwerks, das sie „Serve Tea“ [„Tee servieren“] nennt. Ihr Teeservice ist erlesen, und sie benutzt es mit großer Sicherheit.

Ihr drei Jahre alter Sohn Jasper flitzt herum und wundert sich, ob es nun Zeit zum Einschenken ist oder Zeit zu malen. Passen junge Kinder zum „Tee“, einer Jahrhunderte alten Praxis, die dazu ausersehen ist, die Teilnehmer aus ihrer alltäglichen Erfahrung von Raum und Zeit heraustreten zu lassen? Wir besprechen das und kommen zu dem Schluss, dass sie das nicht tun. Das ist zwar schmerzlich, doch es ist so.

Passt der selbstbewusste Charakter meines offenen und öffentlichen Performanceraumes mit „Tee“ zusammen, einem Ritual, dessen Meisterschaft davon abhängt, inwieweit man eine Verlangsamung und Entspannung zu erreichen vermag, die dann zu einer intimen und feinsinnigen Kommunikation führt? Wir besprechen das und kommen zu dem Schluss, dass er es nicht tut.

Schließlich nehmen wir die feuchten, losen Teeblätter, wickeln sie in dickes weißes Papier und färben das Ganze mit Jaspers Hilfe Schwarz mit ein wenig Rot. (Hou begann mit der Herstellung von Drucken, als ihre Schwangerschaft sie dazu zwang, das Arbeiten mit Ölfarbe aufzugeben.)

Würde einer der großen japanischen Meister, von denen Okakura in seinem „Buch vom Tee“ schreibt, unsere Interaktion überhaupt zur Kenntnis nehmen oder gar zu schätzen wissen? Wäre er ein wahrhafter Meister, dann ja – und wenn auch nur um Willen der tiefen Ehrlichkeit, Nachgiebigkeit und Großzügigkeit die Yi-Ping Hous „Serve Tea“ in uns allen entstehen hat lassen.

— Lori Waxman, 12. September 2012, 16.06 Uhr

Yi-Ping Hou and I have been sipping oolong tea for twenty minutes, as part of an artwork she calls “Serve Tea.” Her set is delicate and she uses it with sureness.

Her three-year-old son Jasper flits around, wondering if it’s time to pour yet, time to paint. Are young children compatible with “tea,” a centuries old practice meant to take the participants out of the space and time of quotidian circumstances? We discuss this and decide they are not. This feels painful but true.

Is the self-conscious nature imposed by my open, public performance space compatible with “tea,” a ritual whose mastery involves slowing down and relaxing into intimate, subtle communion? We discuss this and decide they are not either.

Finally, we take the wet, open tea leaves, scatter them on thick white paper, and together with Jasper’s help, ink them down in black and a bit of red. (Hou took up printmaking when her pregnancy forced her to stop using oil paint.)

Would one of the Japanese masters Okakura writes about in “The Book of Tea” recognize or even appreciate our interaction? If he was a true master, then yes, if only for the deep honesty, flexibility and generosity that Yi-Ping Hou’s “Serve Tea” brought out in us all.

—Lori Waxman 9/12/12 4:06 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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