60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Yvonne Quittkat

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

In Yvonne Quittikats Malerei aus Wasser- und Acrylfarben treffen ganz gewöhnliche Elemente aufeinander, die dann eine besondere allegorische Botschaft vermitteln. Eine Hand steht für die Menschheit, verschlungene Tücher deuten auf das Unbekannte hin, Glaskugeln bezeichnen endloses Wissen, Bäume stehen für die Natur.

Die Titel legen nahe, auf welche Weise Quittikat beabsichtigt, dass diese Symbole funktionieren sollen und das trifft auch in der Mehrzahl der Fälle zu. Hand, Kugel, Tücher und Baum arrangieren eine dürre magische Landschaft, die sich wiederum auf die Notwendigkeit bezieht, Wissen weiterzugeben. Doch der blaue Farbton der Hand ist eher außerirdisch als menschlich und die Kugel, die von ihr gehalten wird, mag die Kristallkugel einer Wahrsagerin sein, umwickelt von verschlungenen roten Tüchern.

Das ist vielleicht nicht ganz die Übertragung von Wissen, wie es Quittkat vorschwebt. Ein zweites Bild – es trägt den Titel „Quo Vadis“ – zeigt einen kahlen, gebogenen Baum, der ganz oben auf einer Ansammlung von großen Vierecken wächst, wobei sich eine menschliche Hand nach einer Roboterhand ausstreckt.

Die Geschichte der Industrialisierung schlägt hier fehl; die Malerei hat dort Erfolg, wo sie wahrhaft malerisch wird. Allegorien sind wichtig, doch ebenso wichtig ist das Medium, durch das sie kommuniziert werden. Haben Roboterhand und menschliche Hand dieselbe graue Farbe, erheben sich die Vierecke hoch gleich Wolkenkratzern, doch überlassen ihre Fassade dem Spiel der Wasserfarben – dann werden Bedeutung und Medium eins.

— Lori Waxman, 11. Juli 2012, 13.55 Uhr

In Yvonne Quittkat’s watercolor and acrylic paintings, common elements join together to illustrate particular allegorical messages. A hand represents mankind, twisting scarves signal the unknown, glass spheres denote never-ending knowledge, trees are nature.

Titles indicate the way in which Quittkat intends these symbols to function, and mostly they do. Hand, sphere, scarves and tree compose a barren, magical landscape about the need to pass on knowledge. But the hand’s blue tint colors it more otherworldly than human, and the sphere it holds could be the crystal ball of a fortune-teller, swathed in twisting scarlet scarves.

This may not be quite the kind of knowledge transfer Quittkat envisions. A second picture, “Quo Vadis,” finds a bare, bent tree growing atop a cluster of tall rectangles, a human hand reaching from one toward the robotic arm of another.

A story of industrialization gone somewhat awry, the painting succeeds in the places where it becomes truly painterly. Allegory is important, but so is the medium in which it is communicated. When robot arm and human arm share the same grey palette, when rectangles stand as tall as skyscrapers but give their façades over to the play of watercolor, meaning and medium are one.

— Lori Waxman 7/11/12 1:55 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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