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Lumbung auf Nordhessisch: So setzen sich Kasseler für ihre Gemeinschaft ein

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Von: Alina Andraczek

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Menschen sitzen um einen Tisch.
An der Neuen Brüderkirche in Kassel arbeiten Nachbarn, Gemeindemitglieder und Besucher an einem bunten Teppich, der ihr „common ground“ werden soll. © Alina Andraczek

Zur documenta fifteen wollen Ruangrupa in Kassel „Lumbung“ praktizieren: Gemeinschaftlichkeit. Und das in einer Stadt, die zerstrittener scheint als je zuvor. Wo ist da die Gemeinschaft?

Kassel - Fast bilderbuchhaft schön ist die Szenerie, die sich an einem Freitagnachmittag im grünen Innenhof der Neuen Brüderkirche im Kasseler Stadtteil Wesertor abspielt. An einem Tisch sitzen Studierende neben Frauen aus der evangelischen Gemeinde, junge documenta-Mitarbeiter neben Nachbarn aus dem Stadtteil. Sie alle ziehen bunte Stoffreste aus einem Haufen auf der Tischplatte und flechten Stränge daraus.

Über die Gespräche auf Deutsch, Englisch, manchmal Arabisch, legt sich das rhythmische Trommeln der interkulturellen Musikgruppe Palaver Rhababa, die sich nebenan warmspielt. Durch das bunte Gewusel schlängelt sich Stefan Nadolny, um die neu Ankommenden zu begrüßen oder einen weiteren Wagen mit Stoffresten in den Garten zu manövrieren.

100 Tage: Die Stadt jenseits der documenta

Kassel als documenta-Stadt, Grimmheimat, Hauptstadt der Waschbären, Residenz des Herkules? Kassel ist mehr. Und das wollen wir zeigen. Im Schwerpunkt „100 Tage“ stellen die HNA-Volontäre engagierte Kasselerinnen und Kasseler, spannende Projekte und versteckte Ecken vor –in der Zeitung, Online und auf unserem Instagram-Kanal kassellive.

Es war ein Nachmittag wie dieser, bei einem Fest mit Mitarbeitern der Lebensmittelverteilung, als der niederländische Künstler reinhaart vanhoe vor rund einem Jahr auf Nadolny, Pfarrer an der Neuen Brüderkirche, zugekommen war. Er wolle Gruppen aus Kassel einladen, einen Schrein als documenta-Kunstwerk zu gestalten, hatte vanhoe angekündigt.

Und Nadolny und die Menschen aus der Gemeinde hatten überlegt, was für sie ein Schrein sein könnte, ein Ort von Bedeutung. „Man kann das gar nicht einfach so machen“, haben sie laut Nadolny festgestellt. „Sondern es muss aus einem besonderen Impuls entstehen.“

Leben in „Blasen“: Die Gesellschaft scheint auseinander zu fallen

Impuls für die Gemeinde war zunächst nur ein Wort. Sie wollten einen „common ground“ finden. Und kamen bald darauf, ihn einfach selbst zu erschaffen: In wöchentlichen Treffen, bei denen alle eingeladen sind, gemeinsam einen Teppich aus Stoffresten zu knüpfen.

„Unser Gedanke war, dass unsere Gesellschaft oder unsere Welt ziemlich auseinander fällt“, sagt Nadolny. „.Man ist nicht mehr in der Lage, einander zuzuhören, weil jeder nur in seiner Facebook-Blase unterwegs ist.“ Auch die weltpolitische Lage sei nicht einfach, so der Pfarrer. „Da stellt sich die Frage: Wie kommen wir klar, wenn der ‚common ground‘ in der Welt vollständig verloren geht?“

Wo ist die (Stadt-)Gemeinschaft?

Die Frage stellt sich anlässlich der documenta fifteen in diesem Sommer auch in Kassel. „Lumbung“ heißt die Praxis, die die künstlerische Leitung Ruangrupa hier anwenden will. Sie soll das Prinzip der Gemeinschaftlichkeit in den Vordergrund stellen, des gemeinsamen Teilens von Ideen, Wissen, Finanzen und Arbeitskraft zum Zwecke des Gemeinwohls.

Das bedeutet „Lumbung“

Das indonesische Wort Lumbung steht für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte der Gemeinschaft gelagert und zum Wohle aller aufgeteilt wird. Bei dieser Praxis kommt das Prinzip der Gemeinschaftlichkeit, des gemeinsamen Ressourcenaufbaus und des Teilens zur Anwendung. Lumbung basiert laut documenta auf Werten wie lokaler Verankerung, Humor, Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Genügsamkeit und Regeneration.

Das alles soll in einer Stadt passieren, die zerstrittener denn je erscheint. Erst vor wenigen Wochen kam es zum Zerwürfnis der rot-grünen Rathauskoalition in Kassel - wegen Personalfragen und Streitigkeiten um einen Verkehrsversuch. Der ist auch weiter Thema hitzig geführter Debatten, in Kommentarspalten wie auf der Straße. Mit ähnlicher Inbrunst streitet man über den Standort des documenta-Instituts in der Stadt.

Um den zu finden, wurde sogar eine aufwändige und teure Bürgerbeteiligung in Auftrag gegeben. Und selbst die documenta selbst, das lokale Großereignis von Weltrang, sorgt nicht mehr für Einigkeit unter den Kasselern. Seit das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus den künstlerischen Leitern die Unterstützung antisemitischer Gruppen vorgeworfen hat, ist auch die diesjährige Kunstschau zum Streitthema geworden. Wie soll da Gemeinschaftlichkeit entstehen?

Selbst aktiv werden: So kann es funktionieren

Für viele junge Kasselerinnen und Kasseler war das Gefühl einer Stadtgemeinschaft ohnehin nie greifbar. Wie die Kasselanerin Luisa Later, die ihre Heimatstadt verlassen hat, um Modedesign in Antwerpen und Basel zu studieren. Zur documenta ist sie wieder in Kassel, um sich mit dem Kulturverein k.format für die lokale Kunstszene einzusetzen. „Wir alle kommen aus Kassel und kennen die Situation dieser Stadt“, sagt Later: „Alle fünf Jahre tanzt hier der Bär.“ Dazwischen sei nichts los in der Stadt.

„Die Clubkultur ist den Bach runtergegangen, wir haben hier wahnsinnig viel Leerstand, und politisch setzt sich kaum jemand dafür ein“, meint die Studentin. k.format hat inzwischen einen eigenen Raum in einem der Glaspavillons an der Kurt-Schumacher-Straße - und den teilt der Verein mit Künstlern und Aktivisten, die hier ausstellen und Veranstaltungen planen. „Wir alle haben etwas zu sagen und möchten eine Plattform haben“, sagt Later. „Und wir haben sie. Deswegen teilen wir.“

Lebensmittelverteilung, Kleiderkammer und Nachbarschaftshilfe in Kassel

Selbst aktiv werden für die Gemeinschaft - darauf baut auch die Gemeinde von Stefan Nadolny an der Neuen Brüderkirche, schon vor dem Teppich-Projekt. Es gibt einen Lebensmittel-„Fair-Teiler“, eine Kleiderkammer, Nachbarschaftshilfe und eine Fahrradwerkstatt.

Rana Matloub und Stefan Nadolny halten den Teppich.
Rana Matloub (links) und Stefan Nadolny arbeiten seit fast einem Jahr an dem „Common Ground“-Teppich. © Alina Andraczek

„Wir sind keine klassische Gottesdienst-Gemeinde, falls es das überhaupt noch gibt“, sagt Nadolny, „sondern viele Leute, die hier etwas machen.“ Davon sind nicht alle Christen, ja nicht einmal gläubig. Etwas anderes verbindet sie. „Was uns wichtig ist, ist so ein Solidaritätsgedanke“, sagt Nadolny. „Dass man einander unterstützt, auch in schwierigen Situationen.“

Die Basis: Gemeinschaft heißt, sich gegenseitig zu helfen

Solidarität und gegenseitige Hilfe ist für Thorsten Schneider das Fundament einer starken Gemeinschaft. Aus diesem Grund verbringt der 32-Jährige seine Dienstagvormittage in einem Raum nahe des Königsplatzes und berät Geflüchtete aus der Ukraine. Der Rechtsanwalt ist Vorsitzender des Vereins iHelp Kassel, der sich anlässlich des Angriffs auf die Ukraine neu gegründet hat.

„Wir alle können uns dafür einsetzen, das Leben anderer Menschen, das Leben in unserer Gemeinschaft irgendwie schöner zu gestalten“, sagt Schneider. Also haben er und seine Mitstreiter es einfach mal versucht: Sie sind zur Grenze gefahren, um Flüchtende abzuholen, haben eine Kleidersammlung gestartet, Wohnungen eingerichtet und Spielaktionen für ukrainische Familien gestartet.

Kleiderspenden in der Galeria Kollektiva.
Im März sammelten die Ehrenamtlichen von iHelp Kassel Kleiderspenden in der Galeria Kollektiva. © Alina Andraczek

Der Verein will es Ankommenden einfacher machen, Teil der Stadtgemeinschaft werden, wie Thorsten Schneider sagt. „Man braucht einfach jemanden, der einem einen Begegnungsraum eröffnet und die Möglichkeit gibt, Berührungspunkte zu dieser Gesellschaft zu knüpfen“, sagt er. Das sei Aufgabe der aufnehmenden Gesellschaft. Eine Aufgabe, die die Vereinsmitglieder gerne übernehmen - und bei der sie schnell Mitstreiter gefunden haben. Mit dem Spielmobil Rote Rübe organisieren sie Treffpunkte für Mütter und Kinder in öffentlichen Parks. Und mit der Well Being Stiftung das Geflüchtetencafé, bei dem Thorsten Schneider dienstags Rechtsberatung anbietet.

Was macht eine starke Gemeinschaft aus?

Die Lösung: Eine gemeinsame Aufgabe schweißt zusammen

Eine Gemeinschaftlichkeit, wie sie mit der Lumbung-Praxis zum Ausdruck kommen soll, entsteht nicht über Nacht. Doch an vielen Orten in der Stadt ist sie schon Realität - oder entsteht gerade, wie an der Neuen Brüderkirche. „Es kommen schon unterschiedliche Leute zusammen“, sagt Stefan Nadolny über die bunte Gruppe, die sich hier zum Flechten, Knüpfen, Weben und Nähen trifft. Trotzdem sei es nicht einfach, alle ins Gespräch zu bringen. Doch der Teppich helfe dabei, sagt Nadolny: „Wenn man gemeinsam etwas geschafft hat, merkt man: Wir können das zusammen machen, wir sind eine Gemeinschaft.“

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