Was man noch erleben muss: Tino Sehgals Performance im Hof des Hugenottenhauses

Manche bleiben Stunden

Ans Tageslicht gewagt: Choreograf Frank Willens (33) hat die Performance im Dunkeln mitentwickelt. Im Hintergrund liegt der Eingang zum Sehgal-Raum hinter dem Hugenottenhauses. Foto:  Trebing

Kassel. Tino Sehgal kommt den documenta-Besuchern ganz nah. Näher sogar, als manchen angenehm ist. Im Dunkeln zirkulieren Klänge und Körper ohne Höflichkeitsabstand. Man fühlt und hört und riecht die anderen.

Sehgals d13-Performance – versteckt im Hof des Hugenottenhauses – schluckt die Besucher in eine dunkle feuchtwarme Höhle, in der Sänger und Tänzer rotieren. Es summt und zischt. Immer wieder fliegen Chorharmonien vorbei: Titel von den Gorillaz und Madonna.

Tino Sehgal selbst hat es dagegen nicht so mit der Nähe. Zumindest aus der Öffentlichkeit hält sich der 36-Jährige am liebsten heraus. Zur Zeit pendelt der deutsch-britische Künstler zwischen Kassel und London, wo er die prestigeträchtige Turbinenhalle des Tate Modern Museums bespielt. Im Hugenottenhaus mischt er sich meist unerkannt unter die hippen Kunsttouristen, in Strickjacken-Kreativtracht schmilzt er in die Menge.

Deshalb ist es auch Frank Willens, Choreograf und Tänzer, der über die Ereignisse im Dunkeln erzählt. Zusammen mit Sehgal hat er die insgesamt 44 Protagonisten für „This Variation“ ausgesucht und 13 Stücke nur für Stimmen arrangiert.

„Da drin passiert Unglaubliches“, sagt der 33-Jährige, als er sich nach fünf Stunden Performance-Schicht zurück ins Tageslicht tastet. Immer gegen 15 Uhr wechselt die Besetzung im Kunstraum, zwischendurch gibt es für jeden eine halbe Stunde zum Luft- und Lichtschnappen. Heute habe die Chemie gestimmt, sagt der Kalifornier, der in Berlin lebt und arbeitet. Obwohl es feste Elemente der Performance gibt, entsteht die Reihenfolge der Stücke spontan. Irgendjemand singt eine Idee in den Raum, die anderen steigen ein – oder lassen es bleiben.

„Es ist eine demokratische Performance“, sagt Frank Willens. „Wir kennen uns inzwischen sehr gut, und in 80, 90 Prozent der Fälle ziehen alle mit.“

Doch nicht nur zwischen den Sängern entsteht eine Verbindung. Auch die Reaktion des Publikums ist Teil des Werkes, denn auf die völlige Orientierungslosigkeit beim Betreten des Raumes reagiert jeder anders: Teenie-Mädchen kreischen, Möchtegern-Gangster pöbeln, und ein besonders ergriffener Besucher riss sich ekstatisch die Kleider vom Leib, um dann in Jesus-am-Kreuz-Pose zu verharren.

„Inzwischen haben wir eine Taktik, wie wir auf die Leute reagieren“, erzählt Frank Willens. „Wenn jemand anfängt, blöd zu lachen, lache ich auch und baue das in den Rhythmus ein. Dann wissen die Leute: Sie werden beobachtet.“

Die meisten, die den Weg in die vielleicht ungewöhnlichste documenta-Performance finden, sind jedoch auf Anhieb angetan. „Manche bleiben Stunden“, sagt Willens. „Einen Mann sehe ich jeden Tag.“

Auch für den Tänzer ist der Kassel-Sommer eine besondere Erfahrung abseits von Bühne und Scheinwerfern. Anstrengend? Er lacht und schüttelt den Kopf. „Die fünf Stunden vergehen so schnell.“

Durch den Innenhof wehen Fetzen des Beach-Boys-Klassikers „Good Vibrations.“ Tino Sehgal erzeugt gute Kunstschwingung, die ankommt.

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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