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Medien der documenta: Gesang prägt zahlreiche künstlerische Beiträge

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Von: Mark-Christian von Busse

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Gemeinschaft bilden: Die südkoreanischen Taucherinnen des Haenyeo-Chors in einem Video im Ottoneum.
Gemeinschaft bilden: Die südkoreanischen Taucherinnen des Haenyeo-Chors in einem Video im Ottoneum während der documenta fifteen in Kassel. © Mark-Christian von Busse

Gesang, Musik und Klang im Allgemeinen spielen eine große Rolle auf der documenta fifteen. Wir geben eine Übersicht – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Wer zuletzt im Open-Air-Kino im Hof des Kasseler Kulturhauses Dock 4 saß, konnte außer dem Sound des Films mitunter Karaoke singende Künstler hören: Die Mitglieder des Kollektivs Gudskul, die im Fridericianum übernachten, kochen und feiern abends im Hof – so schallte schon mal „Dancing Queen“ von Abba bis zu den Sitzreihen vor der Leinwand.

Das Singen spielt eine große Rolle auf der documenta fifteen – nicht nur, wenn die Teilnehmer Feierabend haben. Wir geben eine Übersicht – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Schon bei der Eröffnungspressekonferenz riss der Indonesier Agus Nur Amal Pmtoh mit seinem Sprechgesang zu Beifallsstürmen hin. Der muntere Jingle seiner „Fernseh“-Beiträge in einer TV-Bildschirmkulisse aus Pappe, zu erleben in Videos in der Grimmwelt, hat hohen Wiedererkennungswert – und ist ein künstlerisches Markenzeichen. Im Untergeschoss erklingen beim karibischen Kollektiv Alice Yard im Animationsfilm von Versia Harris Sequenzen rührselig-schmalziger Titel aus Disney-Filmen: Lieder als Ausdruck sehnsuchtsvoller Träume.

Szene aus einem Videoclip mit Gesang, den das Kollektiv Komîna Fîlm a Rojava im Fridericianum zeigt.
Kulturelle Identität erhalten: Szene aus einem Videoclip mit Gesang, den das Kollektiv Komîna Fîlm a Rojava im Fridericianum während der documenta fifteen in Kassel zeigt. © Mark-Christian von Busse

Gesang ist aber in der Ausstellung weit mehr – ein Weg der Selbstfindung des Individuums, Mittel der Behauptung kultureller Identität, Medium der Erinnerung, ja sogar eine Hilfe zum Überleben. In der Filminstallation „Border Farce“ von Safdar Ahmed aus Sydney, der die restriktive australische Flüchtlingspolitik anklagt, wird im Stadtmuseum der kurdische Heavy-Metal-Musiker Kazem Kazemi vorgestellt, der sechs Jahre im Internierungslager Manus Island festgehalten wurde. Musik habe ihm geholfen, seine traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und ihm Stabilität verliehen, erklärt Kazemi. Singen als Ausdruck von Selbstermächtigung, zur Bildung von Gemeinschaft – das kennzeichnet zahlreiche d15-Beiträge.

Gesang begleitet die spirituell-schamanischen Rituale in der märchenhaften Videoinstallation von Saodat Ismailova aus dem usbekischen Taschkent im Kellergewölbe des Fridericianums. Ein besonders schönes Beispiel ist auch die 20-minütige Klanginstallation in der wellenförmigen Holzlandschaft des südafrikanischen Duos Madeyoulook im Hotel Hessenland – mit einem an gregorianische Choräle und afrikanische Lieder des Widerstands gegen Unterdrückung erinnerenden, berührenden A-Cappella-Gesang zu Gewitter-Donner.

Wenige Schritte entfernt, im Landesmuseum, erzählt Pinar Ögˇrenci im wundervollen, vielschichtig-poetischen Film „Asît“ (Lawine) über die wechselvolle armenisch-kurdisch-türkische Geschichte des Ortes Müküs (türkisch Bahcesaray) in der kargen Bergwelt Ostanatoliens auch von Sänger Hayrik Mouradyan. Er hatte durch den Genozid an den Armeniern fast seine ganze Familie verloren. Mit seinem Children’s Folk Song and Dance Ensemble sang er armenische Volkslieder. Gesang hält hier die Erinnerung an einen Verlust wach. Dass er durch Künstler thematisiert wird, hat etwas Heilsames – schon indem diese Erfahrung anerkannt und spürbar gemacht wird.

Von Liedern, die vom Verschwinden bedroht sind, erzählt auch das Kollektiv Komîna Fîlm a Rojava aus dem kurdischen Nordsyrien. Nirgendwo wird die Bedeutung des Gesangs so klar benannt wie in dem wunderbaren 45-minütigen „Lonely Trees“ (2018) im zweiten Obergeschoss des Fridericianums – ergänzt durch Videoclips mit kurdischen Liedern.

Ältere Sänger und Sängerinnen schildern, welche Bedeutung die über Generationen tradierten, tief in der Geschichte verwurzelten Lieder hatten – im Alltag, bei der Ernte, aber auch bei Hochzeiten und sogar bei Konflikten zwischen Clans. Und sie geben Kostproben zu Aufnahmen atemberaubender Landschaften. Gesang gibt dem gesamten Spektrum von Gefühlen Ausdruck. Singen sei, wie die Seele zu nähren, heißt es, sodass man weder Hunger noch Durst spüre. Die Weitergabe der als Vermächtnis überlieferten Lieder wird als Aufgabe, als Verpflichtung begriffen. So lange sie angestimmt werden, gelten die alten Werte noch, sind die Traditionen lebendig, ist die Gemeinschaft intakt.

Der schönste Gesang aber ist im Naturkundemuseum zu hören, wo die südkoreanische Gruppe Ikkibawikrrr ausstellt. Das fünfminütige Video „Seaweed Story“ zeigt den Haenyeo-Chor. Haenyo sind Taucherinnen, die selten gewordenen „Meerfrauen“, auf der Vulkaninsel Jeju. Sie sind darin trainiert, ohne Hilfsmittel mehrere Minuten unter Wasser bleiben zu können, und waren früher mit der Ernte von Meeresprodukten erfolgreich. Ihr berührender Gesang „Jeju Arirang“ brennt sich ein – die Melodie wird zum Ohrwurm während des Ausstellungsrundgangs.

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