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Medien der documenta in Kassel: In welchen Formen Textilien vorkommen

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Von: Bettina Fraschke

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Wandbehang: Aus der Serie „Out of Egypt“ von Malgorzata Mirga-Tas.
Wandbehang: Aus der Serie „Out of Egypt“ von Malgorzata Mirga-Tas. Das Werk ist auf der documenta fifteen in Kassel zu sehen. © Bettina Fraschke

Auf der documenta fifteen in Kassel spielen Textilien eine besondere Rolle. Sie geben kreative Spannungsfelder wieder. Wir beschreiben einige Beispiele.

Stoffe sind etwas Privates. Wir tragen sie als Kleidung am Körper, wir decken uns zum Schlafen damit zu, wir statten unser Heim damit aus. Egal, ob wir in einer zentralasiatischen Jurte leben oder in einer Villa in den USA. Stoffe besonders schön zu gestalten, kostbare Materialien und aufwendige Muster auszusuchen, ist seit je her eine Möglichkeit, dem privaten Raum individuellen Ausdruck zu geben, sich selbst darzustellen, die häusliche Umgebung für sich und seine Lieben zu verschönern.

Vorwiegend Frauen kümmern sich darum – auch in Umgebungen, wo man mit ganz bescheidenen Mitteln auskommen muss, wird noch eine Borte auf den Kissenbezug gestickt.

Fotos auf Stoff: Bei Robert Gabris „Error“ sind teilweise die Fäden des Stoffs gezogen.
Fotos auf Stoff: Bei Robert Gabris „Error“ sind teilweise die Fäden des Stoffs gezogen. Das Werk ist auf der documenta fifteen in Kassel zu sehen. © Bettina Fraschke

Hieraus entsteht die Kraft von Textilkunst. Sie erzählt Geschichten zwischen privat und öffentlich, zwischen Handwerk und Kunst. Auf der documenta fifteen spiegeln textile Arbeiten diese kreativen Spannungsfelder wieder. Eine Auswahl.

Die Workshops

Auf großen gemusterten Stoffen sind bei der Jatiwangi art Factory Körperbilder aus Ziegelstaub entstanden, sie hängen bei Hübner und erzählen von Tradition und Individualität.

Künstlerinnen und Handwerkerinnen trafen sich 2008 im thailändischen Si Saket, um Wissen weiterzugeben und Traditionen am Leben zu halten. Das Asia Art Archive dokumentiert Zusammenkunft „Womanifesto“ im Fridericianum. Fotos der Teilnehmerinnen wurden in gewebte Matten integriert – Om-Anong Glinsiri schuf mit „Togethernesss“ eine Kombination aus Dokumentation dieser gemeinschaftlichen Traditionsweitergabe und der echten Handwerkskunst.

Die Tradition

Wandteppiche und Wandbehänge hatten schon vielfach prominenten Platz auf documenta-Ausstellungen, so zeigte die d13 etwa Arbeiten von Hannah Ryggen. Auch jetzt nutzt die Off-Biennale den Platz in der Rotunde, um kunstvolle Wandbehänge aufzuhängen. Mit „Auszug aus Ägypten“ knüpft Malgorzata Mirga-Tas an biblische Ikonografie an. Die polnische Romni stellt Frauenleben unterwegs dar, die Kinder versorgen, Hühner rupfen, kochen.

Fotos auf gewebten Matten: Om-Anong Glinsiris Dokumentation zum Workshop „Womanifesto“.
Fotos auf gewebten Matten: Om-Anong Glinsiris Dokumentation zum Workshop „Womanifesto“. Das Werk ist auf der documenta fifteen in Kassel zu sehen. © Bettina Fraschke

Verarbeitet sind Stoffe, die vielleicht mal Bettbezüge oder Gardinen gewesen sind. Für ein Kopftuch ist ein bunter Stoff aufgenäht, der vermutlich auch in seinem ersten Leben Kopftuch gewesen ist. Kunst entsteht hier aus Alltagsmaterial des Haushalts. Und wird zu Bildern von großer Detailtiefe und Ausdruckskraft.

Nebensächliches als Hauptsache

Die thailändische Künstlerin Ngoc Nau projiziert einen Experimentalfilm auf bunte Taschentücher bei Hübner. Auch Pinar Ögrenci arbeitet mit Taschentüchern: Kunstvoll zusammengenäht bilden sie einen meterhohen Vorgang vor ihrem Film „Asît“ im Hessischen Landesmuseum. Die Traurigkeit und poetische Melancholie wird durch die Abgrenzung des Films mit dem fragilen Gebilde noch hervorgehoben.

Material als Geschichtenträger

Auch Robert Gabris Installation hat große poetische Kraft. „Error“ heißt die Arbeit, die sich mit Körperbildern queerer Roma befasst – sind die Körper womöglich ein „Error“, ein Irrtum oder Fehler für stereotype Mainstream-Vorstellungen? Der slowakische Künstler druckt im Fridericianum Körperdetails auf Stoff und verhüllt die Bilder teilweise hauchzart. Bei manchen sind die Querfäden des gewebten Stoffes herausgezogen. Gabris arbeitet mit dem Trägermaterial selbst, um den künstlerischen Ausdruck zu verstärken. So entsteht ein Wechselspiel aus Entblößung und Verhüllung, Mut und Scheu. Auch die Kunst des Stickens kommt zum Einsatz, wenn ein Manifest auf Stoff und Bänder aufgestickt wurde.

Zum Tagträumen: Installation „Daydreaming Workstation“ von Eva Kotátková.
Zum Tagträumen: Installation „Daydreaming Workstation“ von Eva Kotátková. © Bettina Fraschke

Recycling

Vielen Hemdsärmeln begegnen Besucher des Ahoi-Bootsverleihs. Die tschechische Installationskünstlerin Eva Kotátková näht Ärmel von Herrenhemden, aber auch Bettbezüge zu wulstigen Objekten, in die man hineinschlüpfen könnte. Textilkunst bleibt hier in Anknüpfung an den Ursprungszweck des Materials in gewisser Weise funktional. In ihrer poetisch-heiteren Installation „Daydreaming Workstation“ kann man sich in die textilen Traumschiffe hineinhängen und mit Hilfe von Oberhemden das Tagträumen lernen.

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