Mein Lieblingskunstwerk: Anri Salas monumentale Uhr in der Karlsaue

Irgendetwas mit dieser Uhr stimmt nicht. In den vergangenen Tagen ist sie gelegentlich mal stehen geblieben, doch auch für dieses 6,60 Meter große Exemplar gibt es einen Uhrmacher.

Nein, es ist das eiförmige Zifferblatt, das die Zeit verzerrt darstellt. Oder doch nicht? Je nachdem, von wo aus man die Uhr ansieht. Gut erkennbar ist sie schon von Weitem. Sogar aus der Orangerie heraus kann man die Uhr durch eines der Fernrohre im Astronomisch-Physikalischen Kabinett sehen. Ganz weit hinten links, am Ende des Hirschgrabens taucht sie auf.

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Was sich der Künstler dabei gedacht hat? Ich weiß es nicht, habe aber einige Vermutungen. Manchmal rast die Zeit, man weiß gar nicht, was man zuerst und zuletzt machen soll. Manchmal gleitet sie dahin wie die sanften Wogen des Meeres an einem schönen Strandtag. Und manchmal wollen die Minuten gar nicht vergehen. Wenn man auf den Zug wartet, der mal wieder Verspätung hat. Oder wenn die eigene Mannschaft führt und der Schiedsrichter endlich abpfeifen soll.

Und dann nähert man sich dieser Uhr am Ende eines Wassergrabens und stellt auf einmal fest, dass das Verzerrte eine Frage der Perspektive ist. Die Uhr verändert sich, die Sekunden rinnen unbeeindruckt weiter. Könnte es sein, dass die Welt jenseits dieser Uhr auch manchmal aus den Fugen gerät?

Derjenige, der sich dieses vielschichtige Zeitmessgerät ausgedacht hat, kommt aus Albanien. Anri Sala (38) lebt heute in Berlin und macht in erster Linie Videos. Über das Verhältnis von Lebenszeit und filmisch aufgenommener Zeit mache er sich viele Gedanken, hat er mal in einem Interview erzählt. Kein Wunder, dass ihn in Kassel ein Gemälde, das in der Orangerie gezeigt wird, faszinierte. Eine Burg mit einer Uhr ist da zu sehen. Das Besondere: Hinter der Leinwand ist ein Uhrwerk versteckt. Die Zeiger auf dem Bild können sich drehen. Die Perspektive zwischen der gerade aufgesetzten Uhr und der Umgebung wirkt verzerrt.

Die Uhr in der Aue bezieht sich darauf. Wie groß sie ist, realisiert man erst, wenn man kurz davorsteht. Stolz wie ein Baum ragt sie in diesem zeitlos schönen Park auf. Bei jeder documenta gibt es Überlegungen, welches Kunstwerk gekauft und in Kassel bleiben soll. Der Uhr von Anri Sala wünsche ich das. Sie passt gut an diesen Ort, für den man sich Zeit nehmen sollte.

Von Thomas Siemon

Quelle: mydocumenta

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