Mein Lieblingskunstwerk: Haris Epaminonda und Daniel Gustav Cramer im Nordflügel

Unauffällige Schätze: Cramer und Epaminonda zeigen auch kleine Eichwaagen.

Bilder, halb versteckt auf dem Boden, Bücher mit leeren Seiten und Briefe, die anrühren: Haris Epaminonda und Daniel Gustav Cramer haben in dem alten Bürogebäude im Nordflügel des Kulturbahnhofs eine eigene Welt geschaffen.

Die Räume, in denen früher Angestellte ihrer Arbeit nachgingen, wirken geheimnisvoll. Jeder Raum gleicht einem kleinen Museum. Zeichnungen, altmodisch erscheinende Landschaftsfotografien von Gebirgszügen, Wasserfällen und üppigen Palmenhainen sowie kostbar aussehende Objekte hat das zypriotisch-deutsche Künstlerduo so arrangiert, dass die Fantasie in Gang gesetzt wird und Geschichten ersinnt. Es ist, als ob man ein fremdes Haus betritt und sich neugierig umsieht. Was interessiert die Bewohner, was mögen sie, womit beschäftigen sie sich? Die Räume haben eine magische Wirkung, sind vertraut und fremd zugleich.

Die an die Wand gehefteten Briefe, von Daniel Gustav Cramer an einen Javier Folkenborn in Schottland in Englisch geschrieben, verstärken diesen Eindruck. Darin heißt es: „Ich kann mich an jeden Raum erinnern, den ich zurückgelassen habe, an den Moment, als ich mich ein letztes Mal umdrehte, einen letzten Blick, leere Wände, keine Möbel, eine Art Vakuum. Gestern schaute ich hoch zu dem Fenster im dritten Stock. Ich konnte die weißen Vorhänge von jemand anderem sehen, die den Blick in mein früheres Schlafzimmer zum größten Teil versperrten. Ein Gesicht erschien, eine Frau mit kurzen Haaren, die telefonierte...“

In einem weiteren Brief an Folkenborn, der sich nun in Neuseeland aufhält (Realität oder Fiktion?), schreibt Cramer unter anderem: „Mein lieber Freund, kannst Du mir bitte sagen, warum wir beide einfach nicht dazu in der Lage sind, dies zu sehen? Warum glauben wir in unserem tiefsten Innern, dass es uns nicht passieren wird? Wenn ich am Grab meines Großvaters stehe, weiß ich, dass er gestorben ist, dass er nicht mehr da ist. Und ich weiß, dass er einmal hier war, mein Haar gestreichelt und an seinem Schreibtisch gesessen hat.“

Diese Sätze wirken wie das gesamte Kunstwerk lange nach. „The End of Summer“ haben die aus Nikosia und Neuss stammenden Künstler ihre poetische Arbeit genannt, die das Haus bis zum Dachgeschoss ausfüllt und eine unbestimmte Wehmut erzeugt. Auch Kindheitserinnerungen werden wach.

Epaminonda und Cramer machen viele Andeutungen, die Antworten bleiben aber dem Betrachter überlassen, der daraus eigene Geschichten spinnen kann. Gerade deshalb mag ich dieses Kunstwerk sehr.

Kommen und Gehen, Werden und Vergehen - dieses Thema begegnet einem in den Räumen in vielen Variationen, Gibt es diese Welt noch, wie sie auf den historischen Fotos zu sehen ist? Was hat das Buch mit den Namen von Planeten und Asteroiden zu bedeuten?

Selbst das Ausstellungsgebäude mit dem mächtigen Dachgebälk, Zeugnis alter Zimmermannskunst, wird es nicht mehr lange geben. Das einstige Bürohaus im Nordflügel wird abgerissen, wenn die Pläne des Fraunhofer-Instituts wahr werden und ein neues Institut dort entsteht. (von Ellen Schwaab)

Quelle: mydocumenta

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