Mein Lieblingskunstwerk: Bewegung und Stillstand in Haegue Yangs Jalousien

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Ein Kunstwerk in ständiger Veränderung: Die Jalousien der Installation von Haegue Yang im Nordflügel des Kulturbahnhofs sind motorisiert. So entsteht eine einstündige Choreografie.

Kassel. War da was? Als ich das erste Mal an der Jalousien-Installation im Nordflügel des Kulturbahnhofs vorbeikam, wirkte das Kunstwerk von Haegue Yang völlig unbelebt und unspektakulär.

Ein Konglomerat von Jalousien eben, die sich allerdings erstaunlich gut einpassen in die ehemalige Lagerhalle mit ihren langen Gleiskorridoren, Maschendrahtzäunen, Containern und Neonleuchten.

Plötzlich bewegt sich etwas, begleitet von einem elektrischen Surren. Eine der Jalousien zieht sich ein Stück nach oben. Auf einmal setzt eine regelrechte Kaskade ein: Die Jalousien fahren sich aus, klappen ihre Lamellen um. Manche bewegen sich synchron, andere versetzt. Wie Züge, die in den ehemaligen Hauptbahnhof ein und ausfahren, auf den Gleisen rangieren.

Geisterhafte Choreografie

Die geisterhafte Choreografie wirkt trotz des industriell-tristen Umfelds überraschend ästhetisch. Das Kunstwerk ist in ständiger Veränderung, präsentiert sich immer wieder anders. Und wird durch die unvorhersehbaren Bewegungen auf einmal richtig spannend: Was passiert als Nächstes? Die Augen tasten die Installation ab, damit ihnen keine Bewegung entgeht.

„Approaching: Choreography Engineered in Never-Past Tense“ nennt die 1971 in Südkorea geborene Künstlerin ihr Werk (in etwa: Annäherung: Eine Choreografie, konstruiert in Niemals-Vergangenheitsform). Auch ohne den kompliziert und kryptisch anmutenden Titel zu kennen, kommen einem beim Betrachten des Jalousien-Tanzes, der genau eine Stunde dauert, Gedanken zu Nähe und Distanz.

Katja Rudolph

Auch wir befinden uns im Alltag und in den Beziehungen zu den Menschen in unserem Umfeld ständig zwischen Öffnen und Verschließen. Wir gewähren Einblicke in unser Innerstes und machen manchmal – für den anderen vielleicht plötzlich und unerwartet – wieder dicht. Vielleicht wenn wir uns verletzt fühlen. Vielleicht, wenn das Gegenüber uns zu nahe kommt. Dann fällt der Vorhang. Und wie bei den sich schließenden Jalousien, die auf einmal kein Licht mehr auf den Bahnsteig fallen lassen, ändert sich die Atmosphäre.

Öffnen sich die Lamellen wieder, bekommen die Betrachter den Durchblick bis zum anderen Ende der großen Lagerhalle - und stehen auf einem lichtdurchfluteten Bahnsteig.

Der Wechsel aus Ruhe und Stillstand, aus Offen- und Verschlossenheit und aus Licht und Schatten ist im Grunde auch der Rhythmus, den jeder von uns aus seinem Leben kennt.

Von Katja Rudolph

Quelle: mydocumenta

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