Mein Lieblingskunstwerk: Cardiff & Millers Audioinstallation in der Karlsaue

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Lauschen im Walde: documenta-Besucher hören die Sounsinstallation von Cardiff & Miller

Vor diesem Kunstwerk muss man die Augen schließen - sonst gibt es quasi nichts zu sehen. Alle Bilder entstehen allein im Kopf des Zuhörers, nehmen vor seinem inneren Auge Gestalt an. Nur durch Klänge und Geräusche werden sie hervorgerufen.

Das Besondere: Jeder documenta-Besucher, der das versteckte Areal in der Karlsaue nahe dem großen Teich entdeckt hat, schafft sich mit dieser Klanginstallation sein eigenes Werk und seine eigene Interpretation. Ist es eine zusammenhängende Geschichte, die uns das Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller mit seiner Audiokomposition „For a thousand years“ erzählen will? Oder steht jede Szene für sich?

Übersicht:
Alle Lieblingskunstwerke der HNA-Redakteure auf einen Blick

Mit einem Klopfen fängt alles an. Vogelschreie werden vom Knarzen einer Tür überlagert, Radiostimmen von einem Alarmgeräusch abgelöst. Fallen da etwa Bomben? Ich zucke zusammen - nicht das einzige Mal übrigens, während ich es mir mit geschlossenen Augen auf einem schief stehenden Baumstumpf mehr oder minder bequem gemacht habe. Zwischendurch muss ich immer wieder blinzeln: Ich bin neugierig, wie die anderen schweigenden Besucher um mich herum den vielschichtigen Klangteppich wahrnehmen: Eine Frau blickt mit offenem Mund empor zu den Baumwipfeln, ein junger Asiate im Schneidersitz hat den Kopf meditativ versunken auf die Knie gelegt.

Ein etwa fünfjähriger Junge hält sich die Ohren zu, ein schwarzer Labrador winselt kurz auf - schließlich sind nicht alle Geräusche so angenehm wie das Blätterrauschen, Grillenzirpen oder der muntere Spielmannszug: Auch Donnergrollen, die gleichmäßigen Schritte eines Marschtrupps und Explosionsgeräusche herabstürzender Bomben wummern durch die Bäume. Eben noch ein Lächeln auf den Lippen, sorgen die dröhnenden, beunruhigenden Kriegsgeräusche wenig später für Gänsehaut.

Nicht nur, um die anderen Zuhörer zu beobachten, öffne ich unwillkürlich die Augen. Immer wieder muss ich mich überzeugen, ob das Knacken des Holzes, das Lachen, das Surren eines Flugzeugs nun aus einem der 30 rings herum angebrachten Lautsprecher kommt, oder eine echte Quelle an Ort und Stelle hat.

Ähnlich wie bei dem zweiten d13-Kunstwerk von Cardiff und Miller, dem „Video Walk“ am Kulturbahnhof, vermischen sich auch hier Realität und Fiktion. Mal auf verstörende, mal auf ganz zauberhafte, übereinstimmende Art und Weise. Wie zum besinnlichen Schlusschoral von Arvo Pärt bestellt, schiebt sich die versöhnliche Abendsonne durch die Zweige. Ein durch und durch sinnliches Erlebnis.

Von Anja Berens

Quelle: mydocumenta

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