Mein Lieblingskunstwerk: Christian Philipp Müllers Mangoldfähre 

Aus Samen werden Pflanzen: Dieses einfache Prinzip der natürlichen Vielfalt bearbeitet Christian Philipp Müller, Direktor der Kasseler Kunsthochschule, mit seinen Mangold-Samentütchen im Ottoneum.

Mangold gab es nie. Großmutter, als gute Seele der Familie fürs Mägenfüllen der Enkel zuständig, kochte deftig, derb geradezu, maximal sättigend. Sie hatte Krieg, Flucht und Hunger überlebt. „Esst tüchtig, Kinder“, war ihre Vergangenheitsbewältigungslosung, ihr sollt es besser haben, viel besser.

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Irgendein Kraut gab’s sonntags, irgendeinen Kohl werktags, alles angedickt in einer sämigbraunen Bratentunke, dazu Kartoffelberge und Fleisch. Es ging uns gut, hatte uns gut zu gehen: Wir durften nicht eher vom Tisch aufstehen, bis der letzte Bissen verdrückt war.

Mein Gang zum Küchengraben in der Aue, vorbei am Schmetterlingsgarten ohne Schmetterlinge, wird zur Vergangenheitsbewältigung. Die Mangoldfähre von Christian Philipp Müller fördert verschüttet geglaubte Kindheitserinnerungen an die Oberfläche. Wehmütig hervorgebracht. Ich liebte Oma, sie hatte Herz, sie meinte es gut. Ich hasste ihr Essen. Mangold gab es nie.

Mangold schmeckt zart und edel gegen die tunkentriefende Großmutterkost. Ich muss nicht, ich möchte alles aufessen. Und er sieht so frisch aus, wie er da steht in seinem glänzenden Blattgrün, das sich triumphierend lustig zu machen scheint über das trübsinnige Wasser des Küchengrabens – irgendwie Krautwasser.

Gut dass ich mit ihm nicht in Berührung kommen muss und die Mangoldpflanzung auf drei schwankenden Pontons bestaunen kann. Diese sind eigentlich Behelfsbrücken aus dem Krieg. „Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda“ heißt der Untertitel des Werks. Der documenta-Besucher kommt aber trockenen Fußes über den Küchengraben.

Es ist ein Steg, der viele Namen trägt. Die Mangoldsorten kommen überall her, manche Arten lassen schmunzeln, Pink Lipstick mit pinkfarbenen -, Yellow Lights mit gelben Stängeln. Einzelne Sorten machen Sorgen, sie sehen müde aus, ausgelaugt, kraftlos, sie kommen aus Italien, Spanien, Griechenland. Ein Krisenschelm, der Böses dabei denkt.

Ein Nichtsnutz, der „all die Mangoldpflanzer“ in einem Großstadtblatt verunglimpfte und daraus die Beliebigkeit der Kunst konstruierte: Wenn Natur Kunst hevorbringe, sei alles Kunst, und am Ende schafften die, die Natur zur Kunst erklärten, die Kunst und damit sich selbst ab. Mag darüber nacheifern, wer trübsinnig werden will. Irgendwie vergebens.

Stattdessen verleihe ich innerlich Fleißkärtchen und Ideensterne für all die Mangoldpflanzer, die den Mut zur vermeintlichen Einfalt haben und die Vielfalt der Natur auf der documenta hervorzaubern. Auch die 60 verschiedenen Mangold-Samentütchen, die im Ottoneum ausgestellt sind, verweisen bescheiden auf Wichtiges: den Ursprung und die unbegreifliche Verschiedenartigkeit der Natur.

Vom Wert des Menschen glauben wir beinahe alles zu wissen, vom Wert der Pflanzen und Tiere wissen zu wenige ein bisschen.

Auf der anderen Seite des Stegs waren dann sogar sie da, die abwesendsten Geschöpfe der irgendwie auch Garten- und Kreaturschau: Schmetterlinge. Und im Bauch ein Hungergefühl. Gleich morgen gibt es Mangold.

Von Jörg S. Carl

Quelle: mydocumenta

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