Mein Lieblingskunstwerk: Fiona Halls Jagdhütte in der Karlsaue

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Mahnende Kunst: Die Australierin Fiona Hall hat vom Aussterben bedrohte Tiere gebastelt.

Als documenta-Besucher ergeht es einem in der Karlsaue wie einem Jäger, der kilometerlang auf der Pirsch ist, dann einen Hasen vor die Flinte bekommt und danebenschießt.

Im wunderschönen Park braucht man als Kunstliebhaber ebenfalls Ausdauer, um die vielen Hütten zu finden - und dann sieht man in manchen doch nur Video-Installationen oder Esoterik-Skulpturen, die einen ratlos zurücklassen.

Manchmal aber landet man einen Volltreffer. Wenn Fiona Halls „Jagdhütte“ am Rand der Aue unterhalb des Weinbergs etwa als Hirsch daherkäme, wäre der ein Sechzehnender, dessen Geweih sich jeder Jäger gern als Trophäe an die Wand hinge.

Die australische Künstlerin hat Tiere gebastelt, die auf der Roten Liste der Nichtregierungsorganisation IUCN stehen. Die ausgestellten Kreaturen gelten als „gefährdet“, „stark gefährdet“, „vom Aussterben bedroht“ oder „in freier Wildbahn ausgestorben“.

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Es ist ein bisweilen komisches Horrormuseum, das die 59-Jährige aus Sydney in der schwarzen Holzhütte zusammengestellt hat. An der Wand hängen zum Beispiel ein Bär aus einem Tarnanzug der deutschen Bundeswehr, ein Vogel aus Neuseeland, dessen Federn Hall aus den Camouflage-Farben der dortigen Soldaten zusammengenäht hat, und ein Bärenkopf aus Domino-Steinen.

Aus Abfall wird hier mahnende Kunst, die uns auch in Form einer Kuckucksuhr daran erinnert, dass wir Monopoly und russisches Roulette spielen mit unserem Planeten und irgendwann vielleicht keine Domino-Steine mehr haben werden. Ähnlich hat Hall das auch in früheren Arbeiten getan. Vor sechs Jahren stellte sie 89 nachgebaute Vogelnester aus zerhäckselten Dollarnoten aus.

Spielerisch leicht zeigt Hall Verbindungen von Ökonomie und Ökologie auf. Am besten gelingt das mit dem Kalifornischen Kondor, auf den man schon schaut, wenn man die Jagdhütte in der Aue betritt: Der große Aasfresser, der von der nordamerikanischen Pazifikküste stammt, ist ebenfalls aus Militärtarnfarben hergestellt. Um den Hals hängt eine kaputte Dose des Energiedrinks „Mother“, und darunter hat Hall das Wort „Fucker“ geschrieben.

Falls wir den Kondor und all die anderen Tiere von der Erde verschwinden ließen, wären wir - sorry - tatsächlich „Motherfucker“.

Von Matthias Lohr

Quelle: mydocumenta

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