Mein Lieblingskunstwerk: Der Geier (Raptor's Rapture) im Weinbergbunker

Was machten die Menschen vor 35 000 Jahre nach getaner Jagd am Lagerfeuer? Sangen sie, machten sie Musik? Bestimmt. Flöte wurde damals auch gespielt. Das ist inzwischen erwiesen.

Mich fasziniert das: Vor 1750 Generationen, die Menschen waren noch längst nicht sesshaft geworden, bastelten sich die Vorfahren in der Steinzeit ein Musikinstrument: 21,8 Zentimeter lang, 2,2 Zentimeter im Durchmesser, fünf sorgfältig geschnitzte Löcher. Wie das klang?

Gewöhnungsbedürftig. So zumindest hört sich an, was in einem der Luftschutzkeller im Weinberg vorgeführt wird. Jennifer Allora (Jahrgang 1974) und Guillermo Calzadilla (Jahrgang 1971), die seit 1995 zusammenarbeiten, wollten dem documenta-Begleitbuch zufolge ein experimentelles und interdisziplinäres Werk schaffen, „das die Gattungen Performance, Skulptur, Video und Sound miteinander verbindet“.

Reinhören: Flöte aus einem Geierknochen

Audiofile

Bernadette Käfer, auf prähistorische Instrumente spezialisierte Flötistin, versucht, dem Knochen Töne zu entlocken. Angeblich handelt es sich um die älteste bislang entdeckte Flöte der Menschheit, geschnitzt vor 35 000 Jahren aus der Speiche eines Gänsegeiers, gefunden vor drei Jahren in der Schwäbischen Alb. So hört es sich an: Geblase, Gepuste, Gepruste, Gezische, keine richtigen Töne. Und dann klopft die Musikerin auch noch mit Fingern auf den bearbeiteten Flügelknochen - das klingt irgendwie hohl. Für heutige Ohren ist das alles nicht gerade melodisch.

Ist es auch wirklich das originale, nicht komplett erhaltene Instrument? Laut Begleitbuch ja. Archäologen würden allerdings nicht auf dem Original spielen, weshalb sie auch ein Imitat nachschnitzen ließen. Dieses wiederum klingt modernen Flöten erstaunlich ähnlich - nicht wie in dem Video im Bunker.

Trotzdem: Ich kann mir vorstellen, dass Steinzeitmenschen unter einem schützenden Felsen zusammensaßen und den Klängen von Trommeln, Pfeifen und Flöten lauschten, dazu summten, vielleicht einen Takt klatschten - das war schon Kultur. Nur, warum wird ein Gänsegeier gezwungen, sich diese postprähistorischen musikalischen Versuche anzuhören? Da kommt die moderne Kunst ins Spiel. Ein Vogel wird mit experimenteller Archäologie konfrontiert, bloß weil er evolutionärer Nachfahre des Knochenlieferanten ist. Ob dem Gyps fulvus das Geblase und Gepruste des Homo sapiens gefallen hat? Der Titel des Videos – „Raptor’s Rapture“, übersetzt etwa als „des Greifvogels Verzückung“ - klingt jedenfalls wie Hohn.

Warum zum Geier ist das dennoch mein Lieblingskunstwerk? Ich kann mich über diese Form der Kunst so schön aufregen. Und provozieren wollen Künstler doch (auch). Alle Lieblingskunstwerke auf www.mydocumenta.de

Von Stefan Forbert

Quelle: mydocumenta

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