Mein Lieblingskunstwerk: Geoffrey Farmers Installation in der Neuen Galerie

Explodiertes Bildergedächtnis: Geoffrey Farmers Installation „Leaves of Grass“ in der Loggia der Neuen Galerie. Fotos: Fischer (1), Fröhlich (1)

Den Anfang markieren ein schlüpfendes Küken und ein Skelett: Geburt und Tod, der Kreislauf des Lebens. Ebenfalls prominent platziert sind ein weißes Hündchen, Schmetterlinge, Vögel und vieles mehr, was da kreucht und fleucht:

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Der Beginn von Geoffrey Farmers Installation in der Neuen Galerie gehört den Tieren. Was folgt, ist dann allerdings eine Enzyklopädie des Menschen im 20. Jahrhundert. Für seine Arbeit „Leaves of Grass“ hat der kanadische Künstler 50 Jahrgänge des amerikanischen Life Magazine ausgewertet und Presse- und Werbefotografien wie ein gigantisches Blumengesteck auf hohen Tischen arrangiert. Der Titel spielt sowohl auf die Grashalme an, von denen die Fotos getragen werden, als auch auf Walt Whitmans gleichnamige Gedichtsammlung, eines der Gründungswerke der amerikanischen Moderne.

Auf den ersten Blick wirkt dieses explodierte Bildergedächtnis überwältigend, chaotisch, größenwahnsinnig. Farmer, Jahrgang 1967, hat mehr als 16.000 Fotos ausgewählt, mit 90 Helfern ausgeschnitten, aufgeklebt und zu einem fast 40 Meter langen Zeitstrahl neu zusammengefügt. Doch beeindruckt die Parade der Bilder nicht nur durch Superlative und Fleißarbeit. Farmer verdeutlicht, wie Geschichte, aber auch die nationale Identität der USA konstruiert sind - nicht zuletzt, indem er sie selbst neu konstruiert.

Einerseits ordnet er die Bilder chronologisch, sodass man sie Jahr für Jahr abschreiten kann: Von 1935 bis 1985, von Roosevelts New Deal bis AIDS. Andererseits arrangiert er formal ähnliche oder thematische Gruppen, erzählt Hunderte Binnengeschichten: über die sich nur langsam wandelnde Rolle der Frau, Wechselbeziehungen zwischen Politik und Kunst oder den Blick der Mehrheit auf Minderheiten. An einer Stelle hat er ein Foto von sich selbst eingeschmuggelt. Um den träumenden Knaben gruppieren sich Figuren aus „Star Wars“ und andere jugendliche Sehnsuchtsbilder. So zeigt Farmer uns nicht nur, wie das Wissen um die Welt in unsere Köpfe gelangt und wie wir alle von fremden Bildern durchdrungen sind. Er sagt auch: Erschafft euch eure eigene Erzählung!

Von Fabian Fröhlich

Quelle: mydocumenta

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