Mein Lieblingskunstwerk: Kader Attias „Die Reparatur“

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Auslage des Schreckens: Kader Attia zeigt im Fridericianum entstellte Gesichter von Kriegsversehrten aus dem Ersten Weltkrieg, die er aus Holz schnitzen ließ.

Im Bücherbord meines Vaters (Jahrgang 1919) stand „Der Weltkrieg“ immer neben dem Handbuch der Kaiserlichen Marine und „Bismarcks Ringen um Deutschlands Gestaltung“. Ein abgegriffenes Album mit Sammelbildern aus dem Weltkrieg, der erst Jahre später den Zusatz Erster bekommen musste.

Für einen Jungen wie mich eine geheimnisvolle Lektüre, vor allem die Bildchen von „Unseren Gegnern“: der Sikh-Offizier mit dem mächtigen Bart, der Bersaglieri mit dem Federhut, der Senegal-Neger mit dem Bajonett.

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Das Sammelalbum aus dem Cigarettenbilderdienst Dresden war längst vergessen – bis ich ein Exemplar im Fridericianum entdeckte, im fensterlosen Raum, den der in Berlin lebende algerischstämmige Franzose Kader Attia gestaltet hat. „The Repair“ (Die Reparatur) ist vielleicht nicht gerade Lieblingskunst, aber es berührt mich wegen der Erinnerungen besonders.

Das Sammelalbum zum „Weltkrieg“ wird wie die meisten dort präsentierten Bücher mit großen Schrauben auf eisernen Industrieregalen fixiert, so als sollten sie nicht gestohlen werden oder als sollten die Inhalte von Schriften wie „Das Heldentum unserer Soldaten“ nicht offengelegt werden. Es sind zumeist französische Bücher, die die Kolonialzeit zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und den Ersten Weltkrieg behandeln.

Daneben Vitrinen, in denen Attia zeigt, wie Zeugnisse der Zerstörung – Patronen- und Granatenhülsen etwa – kunstvoll zu Kriegsandenken und Gebrauchsgegenständen wie Bechern und Schachteln verarbeitet worden sind, Schützengrabenkunst hat das jemand treffend genannt. Das fügt sich in das Motto dieser documenta von Zusammenbruch und Wiederaufbau.

Den stärksten Eindruck dieses Raumes aber hinterlassen die großen Holzmasken, die Attia in Afrika hat schnitzen lassen, nach Fotos von Kriegsversehrten aus dem Ersten Weltkrieg. Auch diese Bilder sind zu sehen: Geschundene Gesichter, notdürftig, in gewisser Weise aber auch kunstvoll von Chirurgen zusammengeflickt, repariert also. Erbarmungswürdige Antlitze, die an Bilder aus dem „Elefantenmenschen“ erinnern, dem großartigen Film von David Lynch. Die den Fotos nachempfundenen Holzköpfe verleihen dem Raum eine mystische Atmosphäre.

Sie hinterlassen vor allem aber schockierende Eindrücke, nicht von ungefähr wird am Eingang zu Attias Reparaturstudio deshalb davor gewarnt. Kader Attia zeigt uns also unter anderem die abstoßende, die Schattenseite des Krieges und der Kolonialzeit. Aspekte, die auf den Zigarettensammelbildchen nicht behandelt wurden.

Das abgegriffene Stück habe ich übrigens wiedergefunden. „Der Weltkrieg“ lag inzwischen in meiner Bibliothek, irgendwo zwischen Büchern über die Bombennächte im Weltkrieg, dem Zweiten.

Von Wolfgang Blieffert

Quelle: mydocumenta

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