Mein Lieblingskunstwerk: Das "Limited Art Project" von Yan Lei in der documenta-Halle

HNA-Archivfoto

Bei der Eröffnung der documenta 13 stand der chinesische Künstler Yan Lei (46) den Besuchern im Raum neben der großen Treppe in der documenta-Halle Rede und Antwort. Doch auch wer ihn nicht persönlich antraf, konnte sich ein Bild von ihm machen.

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Unter den 360 großen und kleinen Bildern, die die Wände des Raumes bedecken, von der Decke hängen oder in großen Schubladen verstaut sind, befinden sich mehrere Selbstporträts. Der chinesische Konzeptkünstler Song Dong hat meinen Gartentraum jetzt verwirklicht. Und ein documenta-Kunstwerk daraus gemacht. An exponierter Stelle und nicht zu übersehen. Unmittelbar vor der Orangerie und inmitten der barocken Sichtachsen der ursprünglich als Lustgarten angelegten Karlsaue hat Song Dong seinen „Doing Nothing Garden“ platziert.

Eines davon, ein großes quadratisches Gemälde in Pink, das den Künstler umgeben von konzentrischen Kreisen zeigt, fehlt jedoch inzwischen. Das Bild hängt zwar immer noch da, es ist aber zu einer leuchtend gelben Fläche geworden.

Schaut man sich um, so fällt auf, dass sich weitere einfarbige (monochrome) Bilder zwischen die Bilder mit den zumeist auffälligen Motiven eingeschlichen haben. Immer größer wird die Zahl grauer, gelber, roter oder türkisfarbener Rechtecke. Das allmähliche Verschwinden der Bilder ist die Pointe von Yan Leis „Limited Art Project“ für die documenta 13. Nach und nach werden sie abgehängt, im Baunataler VW-Werk mit Autolack übersprüht und dann an derselben Stelle wieder aufgehängt.

Es wäre schön, ein Gedächtniskünstler zu sein, der sich die Motive der 360 Gemälde und ihre Position im Raum merken könnte. Dann könnte man sich am Ende der documenta 13 beim Anblick der dann komplett einfarbigen Bilder die ursprüngliche Bilderwelt wieder vor Augen rufen.

Bei einigen Bildern wird mir das gelingen. Das Fehlen des Selbstporträts von Yan Lei fiel mir sofort auf. Auch das Bild eines Eisbergs, der oberhalb der Wasserlinie pink und darunter dunkelblau aussieht, werde ich auch dann noch sehen, wenn es übermalt ist. Ebenso wie das Porträt von Roger M. Buergel, dem Leiter der documenta 12, das schräg unter der Decke hängt. Doch der Großteil der Motive wird aus meinem Gedächtnis verschwunden sein.

Warum macht Yan Lei das? Die Motive seiner Bilder hat er im Laufe eines Jahres aus dem Internet gezogen. Mit seiner Methode, die Lebensdauer seiner Bilder zu begrenzen, setzt Yan Lei sowohl ein Zeichen gegen die universelle Verfügbarkeit von Bildern als auch eines gegen den Mythos vom ewig überdauernden Kunstwerk. Eine wohltuende Form von Bescheidenheit.

Vielleicht rettet Yan Lei die Bilder aber durch das Übermalen gerade erst vor dem Vergessen. An einige Motive wird man sich lange erinnern. Aber wer hat schon noch die Bilder präsent, die Yan Lei 2007 auf der documenta 12 in Schloss Wilhelmshöhe zeigte?

Von Werner Fritsch

Quelle: mydocumenta

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