Mein Lieblingskunstwerk: Lee Millers starke Kriegsfotografien aus dem Jahr 1945

Die Schöne und der Krieg: Lee Miller war erst Model und fotografierte später das zerstörte Europa im Zweiten Weltkrieg.

Kassel. Man scheint einen Einblick in eine fremde und vergangene Welt zu bekommen: Schwarz-weiße Fotografien zeigen den Krieg ohne Farben und den Tod ohne rotes Blut.

Doch je länger die Augen auf die Aufnahmen gerichtet sind, desto weniger fern erscheint diese trostlose Welt. Die surrealistische Fotografin Lee Miller (1907-1977) hat uns eine bizarre und erschreckende Vergangenheit nahegebracht. Schonungslos zeichnet die Amerikanerin die schauerlichen Momente des Krieges auf. Sie zeigt Bilder zerbombter europäischer Städte, Eindrücke aus Konzentrationslagern und Aufnahmen aus Adolf Hitlers Wohnung. Zu sehen sind ihre Werke im „Gehirn“ des Fridericianums. Sie dürfen jedoch nicht fotografiert werden.

Das wohl bekannteste, für mich aber auch befremdlichste Bild stammt allerdings gar nicht von ihr selbst, sondern von dem amerikanischen Fotografen David Scherman. Es zeigt Lee Miller, wie sie in der Badewanne von Adolf Hitler posiert. In dieser Selbstinszenierung wäscht sich Lee Miller symbolisch von den Kriegsverbrechen rein. Ihr Gesicht sieht erschöpft aus und doch wirkt es gleichzeitig triumphierend.

Jana Nölke

So wie die Fotos geheimnisvoll sind, so war das Leben der Fotografin - ein Leben geprägt von Glamour und Grauen. Einst war sie das begehrte Fotomodell – ihre Augen sind im Brain auch auf dem Man-Ray-Metronom zu sehen – dann die Kriegsreporterin, die nichts beschönigt. An der Seite der US-Armee reiste die damals 38-Jährige im letzten Kriegsjahr nach Deutschland, um als Augenzeugin für die Vogue zu fotografieren. Doch was treibt eine junge hübsche Frau dazu, das glamouröse Leben gegen ein Leben voller Angst und Grauen einzutauschen? Bei mir ruft es jedenfalls große Bewunderung hervor.

Letztlich frage ich mich nur, wo man bei ihren Kriegsfotografien die Grenzen setzen kann. Grenzen zwischen Intimität und Direktheit, zwischen Distanz und Nähe, zwischen Reinheit und Ekel. Inwieweit sind wir heute noch davon betroffen? Es bleibt für uns fremd und vergangen, doch müssen wir uns darüber bewusst sein, dass das, was geschehen ist, sich nicht einfach wegwischen lässt.

Von Jana Nölke

Quelle: mydocumenta

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