Vom Reichtum des Alltags

Mein Lieblingskunstwerk: Roman Ondáks Fotografien in der Neuen Galerie

Vom Beobachten der Beobachter: Bei Roman Ondáks Fotografien kommt es immer auf die Perspektive an. Foto: Fischer

Es sind gewöhnliche Augenblicke, für die Roman Ondák sich in seinem documenta-Kunstwerk „Observations“  (Beobachtungen) interessiert. In der Neuen Galerie hat der Slowake einen Raum gestaltet, in dem 120 kleine, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien aufgehängt sind.

Unter jedem Bildchen befindet sich ein englischer Satz oder ein Wort, womit die abgebildete Szene interpretiert wird. Oft werden Fotos in einen Zusammenhang gestellt, indem sie im selben Rahmen gezeigt werden. So entstehen ungewöhnliche Perspektiven auf das Alltagsleben.

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Dabei wirken Fotografien und Begleittexte für sich selbst; Weiterführende Gedanken und Interpretationen überlassen sie dem Betrachter. Ein Rahmen zeigt nebeneinander zwei Fotos: Zwei Hunde, die sich beschnuppern, sowie Männer, die miteinander sprechen. Darunter die Worte „biologisch“ und „sozial“. Diese lakonischen Beschreibungen verleihen dem vermeintlich Gewöhnlichen ungeahnte Facetten. Was bedeutet eigentlich biologisch, was sozial? Inwiefern existieren Unterschiede? Was ist eigentlich das Besondere am menschlichen Handeln?

So scheint Ondáks übergeordnetes Anliegen zu sein, in der Darstellung der individuellen und kollektiven Beziehungen und Momente zu ergründen, wie Gesellschaft von Menschen gemacht wird, wie sie situativ funktioniert. Dabei gelingt es ihm zu zeigen, mit welcher Kreativität das Alltagsleben immer wieder neu und anders gestaltet wird. Zudem macht der 45-Jährige, der 2009 die Slowakei auf der Venedig-Biennale vertrat und als Künstler des Jahres der Deutschen Bank gerade in der Deutschen Guggenheim Unter den Linden in Berlin ausstellte, deutlich, dass die Perspektive entscheidend ist.

Beobachtungen zweiter Ordnung

Eine Fotografie zeigt einige Männer mit Hüten, die von hinten aufgenommen wurden. Sie blicken gebannt auf ein Geschehen, das nicht erkennbar ist. Darunter steht: „Kette der Wahrnehmung: Zuschauer betrachten Spieler, Vorübergehende betrachten Zuschauer“. Hier zeigt Ondák im Grunde eine Beobachtung zweiter Ordnung. Was wir sehen, ist abhängig von dem Ort, an dem wir uns befinden.

So werden die Szenen zu unerschöpflichen Quellen des Erstaunens. Die Fotos lösen Verwirrung oder Verwunderung durch die Akzentuierung eines winzigen Details aus, das ein Alltagsobjekt anders erscheinen lässt als gewöhnlich. Ondák gibt uns einen Schlüssel an die Hand, der die Vielfalt der Interpretationen von gesellschaftlicher Wirklichkeit zu erschließen hilft.

Von Yvonne Albrecht

Quelle: mydocumenta

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