Mein Lieblingskunstwerk: Shinro Ohtakes Werk ist ein Selbstporträt, das an den Tsunami erinnert

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Selbstporträt aus Schrott: Shinro Ohtakes Hütte in der Aue ist ein Kuriositätenkabinett aus Gefundenem.

Kassel. Wenn die Sonne über der Karlsaue untergeht, entfaltet das Hütten-Kunstwerk des Japaners Shinro Ohtake seinen größten Bann. Was tagsüber an eine provisorisch errichtete Hippie-Siedlung erinnert, wird im Halbdunkel zum geheimnisvollen Camp.

Neonröhren flackern, Dampf steigt über der Hütte auf, verzerrte Geräusche und Stimmenwirrwarr tönen aus einem blechernen Lautsprecher. Mancher Betrachter mag sich ausmalen, welcher kauzige und unheimliche Einsiedler diesen Verschlag gezimmert hat.

Der vermeintliche Kauz ist ein Künstler und stammt aus dem japanischen Uwajima. Sein Werk „Mon Cheri“ ist ein Selbstporträt. Dass Ohtakes Inneres aussieht, als hätte ein Gestrandeter monatelang Treibgut gesammelt und es zu einer Behausung geformt, ist nicht verwunderlich. Der Japaner liebt das Nutzlose und sammelt es seit den 70er-Jahren.

Und so ist sein mysteriöses Camp ausgestattet mit Dingen, die seine Erinnerungen abbilden: Fotos, eine Imbissreklame aus seinem Heimatort, Postkarten, Notizen, Sperrmüll sowie Geräusche und Videobilder, die er ein Jahr lang – auch in Kassel – zusammengetragen hat.

Souvenirs aus dem Alltag

Gegenstände wie Auspuffrohre, Radfelgen und alte Telefone sind funktionslos im Inneren der Hütte arrangiert. Daneben ein zwei Meter großes Sammelalbum, in dem er Souvenirs aus dem Alltag abgeheftet hat.

Boote bis in den Himmel: Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass auch Kanus bis zum Wipfel des Baumes neben Shinro Ohtakes Hütte hängen.

Immer wieder drücken Ausstellungsbesucher minutenlang ihre Köpfe an die Fenster des nicht begehbaren Hauses, um das wilde Sammelsurium zu durchschauen. Wer aber ein Konzept, ein durchgehendes Thema sucht, der wird nicht fündig. Mit Konzepten kann Ohtake nichts anfangen, wie er in einem Interview sagte.

Und doch lässt er ein Thema mitschwingen. „Mon Cheri“ spielt auf das Trauma seiner Nation an: die Stadt Fukushima, in der 2011 das Atomkraftwerk zerstört wurde und die zum Sinnbild der atom-aren Gefahr wurde. Ein Zeichen dafür sind die Boote, die in einer Eiche neben dem Camp hängen.

Eigene Spuren der Kasseler

Bastian Ludwig

Es scheint, als hätte ein Tsunami sie in die Wipfel gespült. Auch Fischernetze liegen wie von Wellen abgelegt auf dem Dach der Hütte. Der durch die tausenden Ausstellungsbesucher aufgeweichte Park-Rasen trägt zum Eindruck bei, Wassermassen hätten hier eine Sumpflandschaft hinterlassen.

Auch wenn Shinro Ohtake sein Kunstwerk abgeschlossen hat, gestaltet auch jetzt noch der Zufall weiter mit. So haben am Äußeren der Hütte offenbar mehrere Besucher ihre eigenen Andenken hinterlassen: In den Fischernetzen hängen NVV-Fahrkarten, Kassenbons und selbstgepflückte Blumensträußchen aus der Aue.

Von Bastian Ludwig

Quelle: mydocumenta

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