Mein Lieblingskunstwerk: Song Dongs "Doing nothing garden" in der Karlsaue

Vor einigen Jahren war es meine Idee vom Glück: Ein Garten zum Nichtstun! Die Realität sah anders aus: Rasen mähen, Hecken schneiden, Boden umgraben, Beete anlegen, Blumen und Pflanzen gießen, Unkraut jäten.

Meist lustlos und ohne jedes Gespür für die Belange eines Hausgartens und die Erwartungen der Partnerin.

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Der chinesische Konzeptkünstler Song Dong hat meinen Gartentraum jetzt verwirklicht. Und ein documenta-Kunstwerk daraus gemacht. An exponierter Stelle und nicht zu übersehen. Unmittelbar vor der Orangerie und inmitten der barocken Sichtachsen der ursprünglich als Lustgarten angelegten Karlsaue hat Song Dong seinen „Doing Nothing Garden“ platziert.

Vor dem Nichtstun war freilich erstmal das Tun angesagt. Auf einer ovalen Fläche hat der Künstler einen Hügel aus Alltagsabfall und Bauschutt aufschütten, ihn bepflanzen und mit Neonzeichen versehen lassen. In der Dunkelheit verkünden sie eine fernöstliche Weisheit: „Das Nichtstun ist vergeblich. Aber das Tun ist auch vergeblich. Auch wenn es vergeblich ist, muss es getan werden.“

Das klingt wie ein unauflösbares Gedankenexperiment, über das sich unendlich lange philosophieren lässt. Sicher ist nur: Im dem sich selbst überlassenen Garten zum Nichtstun tut sich was. Anders als vor fünf Jahren, als die nordhessischen Wetterkapriolen das Kunstwerk „Template“ von Ai Weiwei zum Einsturz brachten, profitiert Song Dongs Garten von den Launen der Natur. Die häufigen Niederschläge der vergangenen Wochen haben Gras, Blumen-, Getreide- und Gemüse-Pflanzen üppig sprießen und erblühen lassen. Der künstliche Berg präsentiert sich als lebendiger Organismus. Und er ist eine Augenweide.

Kein Wunder also, dass bei guter Witterung Besucher die das Oval umrandende Sitzfläche bevölkern und sich an der Pracht erfreuen, die auf einer Müllhalde entstanden ist. Und laut darüber nachdenken, ob es sich denn nun um Landschaftsarchitektur, ein Werk der Natur oder um ein Kunst-Werk handelt.

Das ist, wie vieles im Leben und in der Kunst, Geschmackssache. Mir jedenfalls hat Song Dong mit seinem Doing Nothing Garden ein Geschenk gemacht. Und deshalb ist es auch mein Lieblingskunstwerk dieser documenta.

Von Burghard Holz

Quelle: mydocumenta

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