Mein Lieblingskunstwerk: Tino Sehgals Performance „This Variation“ 

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Im Hinterhof des Hugenottenhauses an der Friedrichsstraße geht es zum Eingang von Tino Seghals "Dauerperformance

Kassel. Es ist, als würde man gegen eine Wand laufen. Kein Besucher betritt ohne Zögern den Performance-Raum von Tino Sehgal (36). Im Hinterhof des Hugenottenhauses ist der Eingang zum Werk des Berliner Künstlers.

„This Variation“ ist der Titel der Sehgal-Performance. Der Besucher schreitet einen Tunnel aus Holz hindurch, am Ende erwartet ihn Schwarz, tiefes Schwarz. Doch mehrere Menschen sind in dem Raum zu hören: Gesang, Gespräche, Beatboxing, also Imitieren vin Hip-Hop-Rhythmen mit der Stimme. Lachen, Atmen, scharrende Füße.

Unbehagen kriecht den Rücken hinauf. Auch nach mehreren Minuten haben sich die Augen nicht an das Dunkel gewöhnt, dafür hören die Ohren besser zu. Tänzer machen Sehgals Kunstwerk aus. Sie sorgen für den A-cappella-Gesang in der Kasseler Black Box.

Flüchtiges Erlebnis

Die Kunst des Deutsch-Inders fordert den Besucher dazu auf, eigene Grenzen zu überschreiten, Ängste und Hemmungen zu überwinden. Sein Werk hüllt den Besucher ein. Die Kunst des Berliners hat nichts mit einem Museumsbesuch zu tun, nur Anschauen ist hier nicht. Wer sich nicht auf den schwarzen Raum einlässt, in ihn eintaucht und sich umhüllen lässt, kann die Kunst nicht erleben, nicht begreifen und vor allem sich auch nicht daran erfreuen.

Ein paar Neugierige blitzen mit ihren Kameras, dabei sind Fotos eigentlich verboten. Man spürt, wie sich die Sänger um einen herum bewegen. Eine junge Frau steht in der Nähe zur Tür. Die Künstler drängen sich um sie, schieben sie in die Mitte des Raumes. So viel Nähe ist ungewohnt.

Doch hat man sich einmal mit der befremdlichen Situation arrangiert, taucht der Besucher ganz in Tino Sehgals Kunstwerk ab. Man genießt die Dunkelheit und die Geräusche in der Black Box. Die Welt scheint sich langsamer zu drehen, nur das Hier und Jetzt zählen. Die jungen Tänzer sprechen wirre Sätze, einer greift die Worte des anderen auf – so geht das zehn Stunden am Tag.

Seite fehlt

Das Inhaltsverzeichnis des documenta-Katalogs kündigt auf der Seite 438 den Begleittext zu Tino Sehgal an. Doch die Seite fehlt. Sehgals Werk lebt davon, dass es nicht zu fassen ist, flüchtig und doch so mitreißend. Zur Zeit stellt er in der Turbine Hall der Londoner Tate Gallery aus.

Der Künstler gestattet von seinen Werken keine Bilder oder Videoaufnahmen. Der Besucher soll von seinen Erlebnissen mit der Kunst zehren. Tino Sehgal ist nicht nur ein moderner deutscher Künstler, sondern auch ein Geschäftsmann. Denn seine Performances kann man kaufen, aber ohne Erinnerungsfotos.

Von Claudia Schittelkopp

Quelle: mydocumenta

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