Mein Lieblingskunstwerk: Der „Video Walk“ von Janet Cardiff und George Bures Miller ist ein Erlebnis

Mein Lieblingskunstwerk: Der "Video-Walk" im Hauptbahnhof

Wo ist nun eigentlich die Tänzerin? Jonas (12 Jahre) aus Kassel beginnt seine Tour mit dem „Alter Bahnhof Video Walk“. Foto:  Malmus

Tiefe Tubatöne schallen durch den Hauptbahnhof: Woher kommt die Blasmusik? Ich schaue mich um, unwillkürlich. Immer wieder vergesse ich, dass ich Kopfhörer trage und die Geräusche, die ich höre, fast alle aus der Aufzeichnung kommen.

Am Kulturbahnhof sieht man viele solche irritierten Menschen herumlaufen. Sie haben die Hörerbügel im Nacken und starren auf kleine Bildschirme in der Hand. Janet Cardiff und George Bures Miller sorgen mit ihrer Arbeit „Alter Bahnhof Video Walk“ für ein alle Sinne beschäftigendes, außergewöhnliches Kunsterlebnis. Körperkino heißt das im Katalog. 26 Minuten dauert ein Spaziergang mit ihrer Begleitung. Die Abspielgeräte können jetzt in Deutsch oder Englisch im Foyer des Offenen Kanals Kassel ausgeliehen werden. Pfand: der Personalausweis.

Auf einer speziellen Sitzbank geht die Tour los: Film ab. Ich schaue aufs Display und sehe die Bahnhofshalle. Ich schaue auf und sehe ebenfalls die Bahnhofshalle, denselben Ausschnitt. Dann trötet auf einmal die Tuba dazwischen, die Musiker kommen hinter der Säule hervor. In dem Film. Nicht in dem Moment, in dem ich dasitze. Die kleinen Verwirrungen gehen weiter. Mein Realitätsempfinden wird verunsichert. Ich folge den Anweisungen der Sprecherin und erlebe akustische und optische Irritationen. Poetisch, bedrückend, erhebend, intensiv.

HNA-Redakteurin Bettina Fraschke

Eine Balletttänzerin dreht ihre Pirouetten, Momente später spricht ein alter Mann vom Krieg und der Bombardierung Kassels. Der „Video Walk“ steuert zum Mahnmal für die Deportierten aus Kassel. Schwere Stiefel dröhnen im Hintergrund. Dann Bahngleise: Ankunft, Abfahrt, Sehnsucht, Sorge. „Erinnerungen sind wie eine etwas andere Art zu reisen“, sagt die Stimme, „wie ein Koffer, den wir hinter uns herziehen und bei Bedarf öffnen und schließen können“. Die Runde führt auf einen Bahnsteig, zum Fotoautomaten. Achtung, ein Servicefahrzeug nähert sich, ich höre es kommen, springe zur Seite ... ach so, wieder getäuscht.

Technisch ist die Arbeit perfekt gemacht, die Geräuschkulisse ist sehr räumlich zu erleben. Das passt: Das kanadische Team hat auch die Klanginstallation im Wäldchen in der Karlsaue gemacht. Die Erzählerin kommt von der Geschichte Kassels über philosophische Betrachtungen und ganz privaten Ängsten zu einem nachdenklichen Schluss mit einem Tänzer-Duo. Wo spielt sich Realität ab? An was soll ich mich orientieren? An dem Bildschirm vor der Nase oder an dem, was ich unmittelbar sehen kann? Keine ganz unwichtige Frage.

Von Bettina Fraschke

Quelle: mydocumenta

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