Mein Lieblingskunstwerk: Rabih Mroués brutale Bilder aus Syrien

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Schemenhafte Mörder: Im Südflügel des Kulturbahnhofs wird der Zuschauer zur Zielscheibe.

Ich werde erschossen. In Hama, in Syrien. Langsam nähert sich mein Mörder. Er trägt eine Waffe, eine Kalaschnikow – so viel kann ich erkennen.

Es ist die Waffe, die weltweit am besten verkauft wird. Egal ob auf dem legalen Markt oder dem Schwarzmarkt. Woher mein Mörder seine Waffe hat, weiß ich nicht.

Die Aktions-Kunst von Rabih Mroué im Südflügel des Kulturbahnhofs setzt auf den Schock-Effekt. Vor mir, dem Betrachter, liegt ein Daumenkino. Es sind die letzten Bilder, die ein Syrer in seinem Leben sah. Am Ende des Daumenkinos sehe ich nur noch den Asphalt. Mit einem Knopf betätige ich den Lautsprecher und der aufgenommene Handyton wird parallel zum Daumenkino abgespielt. Ich verstehe nicht viel, nur das: „Allahu akbar“. Allah ist groß. Allah konnte den Syrer nicht retten. Es sind die letzten 41 Sekunden im Leben eines namenlosen Mannes. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Die schemenhafte Gestalt des Mörders ist als Foto-Abzug an die Wand des Raums gepappt. Er ist nicht zu erkennen. Neben mir erschrecken sich Leute bei der Präsentation der letzten Lebenssekunden.

Dokumentation des Sterbens

Daniel Schneider (28), Volontär der Kulturredaktion

Meine Generation ist da anders. In Zeiten, in denen auf Video-Kanälen wie Youtube oder speziell Liveleak brutale Videos im Internet für jeden zugänglich sind, kann uns nicht mehr viel schocken.

Berühren hingegen schon. Im nächsten Daumenkino sehe ich einen Panzer auf mich zufahren. Er dreht sein Zielfernrohr, visiert mich an. Ein dumpfer Knall ertönt aus dem Lautsprecher. Und schließlich Stille. Aufgenommen am 9. Oktober 2011 in Dayrel-Zour, Syrien. Es ist eine außergewöhnliche Form der Dokumentation des Sterbens in der syrischen Revolution, das von Mroué in einer Videoansprache in einem Nebenraum eingeordnet wird. Das Handy wird zur Verlängerung des Arms, es begleitet den Menschen im 21. Jahrhundert bis in den Tod.

Nachdem ich den abgedunkelten Raum verlassen habe, bemerkte ich eine blaue Verfärbung an meinen Fingern. Es ist eine Symbolik für die Parlamentswahlen in Syrien. Alle Wähler bekamen als Beweis ihrer Stimmabgabe den Finger gefärbt. Jetzt habe ich auch gewählt. Mein Kreuz habe ich beim Tod gemacht. Bedrückend.

Von Daniel Schneider

Serie: Alle Lieblingskunstwerke der HNA-Redakteure auf einen Blick

Quelle: mydocumenta

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