Moderne Kunst auf der Verladerampe

Vorhang auf für Kunstgenuss in alten Hallen: Die Installation von Haegue Jang ist im Nordflügel des Hauptbahnhofes zu sehen. Foto: Schachtschneider

Kassel. Zwischen längst stillgelegten Gleisen wachsen Büsche und Bäume. Viele der alten Hallen stehen leer. Das nördliche Gelände des Kasseler Hauptbahnhofs bietet jede Menge Platz für Entwicklung. Die documenta hat den Standort für sich entdeckt. Wir stellen ihn näher vor.

Wer schon länger in Kassel wohnt, erinnert sich noch an die Verladerampe für den Autoreisezug, der mal vom Hauptbahnhof losfuhr. Hinter den Resten dieser Rampe beginnt ein Areal, das nach Jahren des Dornröschenschlafs durch die documenta wieder in den Blickpunkt gerückt wird.

In Hallen, die zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt wurden, ist die Kunst eingezogen. Der Schrotthaufen von Lara Favaretto weist schon von Weitem den Weg auf ein Areal, das lange Zeit völlig aus dem Blickfeld verschwunden schien.

Was war hier früher einmal, wozu wurden diese riesigen Hallen überhaupt gebraucht? „Hier war jede Menge los“, sagt Karl-Heinz Lotze (71), der das Gelände wie seine Westentasche kennt. Fast 40 Jahre hat er bei der Bahn gearbeitet und den Nordflügel des Hauptbahnhofs noch in voller Blüte erlebt. „Die Bahn hat früher alles transportiert, was heute mit Lastwagen über die Straße rollt“, sagt er. Hier kamen Obst, Gemüse und Blumen für die Großmarkthalle an, der Fischgroßhandel Deutsche See wurde beliefert.

Alles auf die Schiene

Lotze erinnert sich noch daran, dass die Kasseler Speditionen ihre Stammplätze an den Verladerampen hatten. „33 war Hartleb, 35 Hartmann“, sagt er. Bis zu 300 Menschen hätten in der Güterabfertigung und an der Umladestelle gearbeitet. Hier fuhren die Züge zum Be- und Entladen vor. Während der documenta befindet sich jetzt dort das Lokal „Base“ mit Schrotthaufen- und Herkulesblick.

Wer wissen will, warum heute auf den Autobahnen ein Lkw am anderen unterwegs ist, kann das im Nordflügel des Hauptbahnhofs nachvollziehen. Hier kamen früher Waschmaschinen, Schränke, Maschinen und Lebensmittel an.

Alle großen Kasseler Firmen haben hier ihre Produkte auf die Schiene gebracht. Gleich nebenan war das Zollamt, das Auslandslieferungen ebenso kontrollierte wie größeres Reisegepäck, das über die deutsche Grenze transportiert werden sollte. Das Zollamt ist längst nach Bettenhausen umgezogen, der Bahnhof spielt für die Logistik keine große Rolle mehr.

Neubau für Fraunhofer?

„Ich finde es gut, dass das Gelände durch die documenta belebt wird“, sagt der alte Bahner Karl-Heinz Lotze. Einige Firmen wie der Gastronomiebedarf Olympia nutzen die alten Hallen heute schon. Im Gespräch ist auch ein Neubau für die in Kassel ansässigen Wissenschaftler von Fraunhofer-Iwes. Die Räume für die heute 260 Mitarbeiter am Königstor werden schon bald zu eng, denn das Forschungsinstitut soll bis zum Jahr 2015 auf 400 Mitarbeiter wachsen.

„Beplant ist das Gelände schon“, sagt Kassels Baudezernent Christof Nolda (Grüne). Eine Entscheidung über einen möglichen Neubau gebe es aber noch nicht. Das Gelände sei eine hochinteressante stadtnahe Erweiterungsfläche. Eigentümer ist die Bahn, die das Gelände verkaufen will. Der Preis und mögliche Sanierungskosten durch Altlasten müssen noch verhandelt werden.

Dass es sich lohnen würde, aus dem 60 000 Quadratmeter großen Areal etwas zu machen, zeigt die documenta.

Von Thomas Siemon

Hintergrund: 1856 gebaut, im Krieg zerstört

Als der Hauptbahnhof von 1852 bis 1856 gebaut wurde, hatte Kassel gerade einmal 36 000 Einwohner. Er hieß damals noch „Bahnhof Cassel - Oberstadt“. 1848 wurde bei Henschel mit dem Drache die erste Kasseler Lokomotive gebaut. Die ersten Züge der Friedrich-Wilhelm-Nordbahn hielten im gleichen Jahr noch an einem Bahnhofsprovisorium. Der Hauptbahnhof wurde als Kopfbahnhof gebaut und im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Von hier aus wurden die Kasseler Juden deportiert.

Panzer und Lokomotiven von Henschel wurden auf der Schiene an die Front gebracht. Der Wiederaufbau des Bahnhofs begann 1952 und dauerte acht Jahre. Seit 1991 halten die meisten Züge des Fernverkehrs im IC-Bahnhof Wilhelmshöhe.

1995 wurde der Hauptbahnhof grundlegend saniert und als bislang einziger Kulturbahnhof Deutschlands umgebaut. Die Galerie für komische Kunst Caricatura ist hier ebenso beheimatet wie die Bali-Kinos und der Offene Kanal Kassel. Seit fünf Jahren hält die Regiotram im Kulturbahnhof und fährt durch eine Unterführung bis in die Innenstadt. Vor dem Bahnhof steht das documenta-Kunstwerk Himmelsstürmer. (tos)

Quelle: mydocumenta

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