1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

Vor dem Ende der documenta: So fällt die Bilanz von Ruangrupa aus

Erstellt:

Von: Matthias Lohr, Bettina Fraschke, Mark-Christian von Busse

Kommentare

Vor dem HNA-Gespräch mit Ruangrupa: Reza Afisina (von links), Farid Rakun, Gertrude Flentge (Artistic Team), Indra Ameng und Iswanto Hartono haben sich am „Reflecting Point“ der Kasseler Architekten auf dem Parkplatz des Ruruhauses versammelt.
Vor dem HNA-Gespräch mit Ruangrupa: Reza Afisina (von links), Farid Rakun, Gertrude Flentge (Artistic Team), Indra Ameng und Iswanto Hartono haben sich am „Reflecting Point“ der Kasseler Architekten auf dem Parkplatz des Ruruhauses versammelt. © Dieter Schachtschneider

Kurz vor Ende der documenta ziehen Ruangrupa eine positive Bilanz. Im HNA-Gespräch erklären die Kuratoren, wieso ihr Lumbung-Konzept trotz des Antisemitismus-Streits ein Erfolg war.

Kassel – Zum Ende der documenta schlagen die Wellen noch mal hoch. Unsere Redakteure trafen sich mit Ruangrupa zum Abschlussgespräch – auch für eine documenta-Bilanz insgesamt.

Die Gesprächsteilnehmer auf dem Parkplatz hinter dem Ruruhaus, in einem der acht „Reflecting Points“ des Bundes der Architekten (BDA), wechseln – Iswanto Hartono gesellt sich zum Foto dazu, bleibt aber nicht. Dafür taucht noch Mirwan Andan auf. Reza Afisina, Farid Rakun und Indra Ameng nehmen die ganze Zeit teil – wie Gertrude Flentge aus dem fünfköpfigen Artistic Team.

Die Atmosphäre ist entspannt, trotz der aktuellen Konflikte können Ruangrupa noch lachen. Sie erzählen, dass die von Hochbeeten eingerahmte Sitzgruppe zum „Silence Corner“ erklärt wurde, zu einem Rückzugsraum, weil sich Nachbarn über den Lärm beschwert hatten.

Aktuelle Debatte

Ruangrupa wenden sich – wie berichtet – gegen die Berufung der wissenschaftlichen Fachbegleitung durch die documenta-Gesellschafter Stadt Kassel und Land Hessen und begreifen die Bewertung der Experten als bedrohlichen Versuch der Einflussnahme und Zensur. „Wir stehen zu unserer Erklärung von vergangenem Sonntag.“

Generell sei es bedauerlich, sagt Gertrude Flentge, dass die auf Nachhaltigkeit angelegte Lumbung-Praxis aus dem Blick geriet, weil ein Sturm nach dem anderen aufgezogen sei. Flentge hebt hervor, wie sehr die beteiligten Kollektive und Künstler dadurch Schaden genommen haben und verletzt worden seien, weil ihre künstlerischen Beiträge und sie selbst mit den Antisemitismus-Vorwürfen in Verbindung gebracht worden seien.

Dabei gebe es zwar innerhalb der „Lumbung-Community“ eine große Solidarität, aber eben keine einheitliche Meinung. Trotzdem: „Wir sind stärker als je zuvor“, lautet ihr Fazit.

Im Prozess der Vorbereitung der d15 sei sicher viel falsch gemacht worden, sagt Farid Rakun. Aber: „Wir bedauern nicht, wie wir die Dinge angegangen sind. Wir stehen zu diesem Prozess und bleiben ihm treu.“

Eine Stärke von Ruangrupa sei, dass es kein „Blame Game“ spiele, also keine Schuld zuweise. Auch Taring Padi sei von Ruangrupa nie wegen des Banners „People‘s Justice“ auf dem Friedrichsplatz angeklagt worden.

„Wir sind in ein politisches Spiel hineingezogen worden“, sagt Rakun, „aber wir sind keine Politiker.“ In diesem Feld der Politisierung fehle der Gruppe die professionelle Erfahrung. Die Größe und Bedeutung der documenta, auch die Einmischung der Politik, erlaube eigentlich gar keine Experimente, die Institution sei ohnehin nicht umzukrempeln, ergänzt Gertrude Flentge.

Reza Afisina erklärt das Fehlen jüdischer, israelischer Stimmen erneut damit, das Anliegen von Ruangrupa sei nicht eine ausgewogene Repräsentation gewesen, sondern Stimmen zu Gehör kommen zu lassen, die sonst kaum wahrgenommen würden – wie Richard Bell für die Anliegen der Aborigines und das Filmemacher-Kollektiv Komîna Fîlm a Rojava für die Kurden in Nordsyrien. „Auch viele andere Stimmen sind hier nicht präsent.“

Die Teilnehmer hätten sich im Laufe des Prozesses ergeben, es habe keine Liste der Kämpfe gegeben, die abgehakt werden musste. Die documenta könne im Übrigen die Komplexität der israelisch-palästinensischen Geschichte zwar ansprechen, so Rakun, aber keinen Konflikt lösen, der „älter ist als wir selbst“.

Erfahrungen

„Wir sind super happy, wie die Ausstellung aufgenommen wird und wie die Besucher mit ihr interagieren“, sagt Gertrude Flentge. Viele Menschen liebten sie und könnten sich mit ihr identifizieren. „Wir haben hier ein Experiment gewagt, das es in dieser Größenordnung noch nie so gegeben hat“, ergänzt Farid Rakun, die kollektive Arbeits- und Gesprächspraxis sei vielfach übernommen worden, etwa in einer Arbeitsgruppe, in der sich Akteure zu Landnutzung zusammengeschlossen haben.

Vernetzung finde bereits seit 2019 statt, seit Ruangrupa die Arbeit aufgenommen hat, „dies ist eine einzigartige Chance auf einen Lernprozess – ohne, dass wir vorgeben, was gelernt werden soll“, sagt Afisina. Das Konzept der kollektiven Arbeitsweise sei sehr lebendig – „schaut zum Beispiel die vielen Biennalen an, an denen wir teilgenommen haben“, sagt Afisina, „meistens gibt es dort nichts Lebendiges“.

Die Lumbung-Praxis

Ruangrupa und das Artistic Team hatten das Ziel, für die eingeladenen Gemeinschaften nachhaltige Strukturen aufzubauen, sagt Gertrude Flentge. Die Kollektive seien eingeladen worden, weil sie Werte leben, die in Europa oft verloren gegangen seien. Noch nie sei bei einer Großausstellung dieser Kollektivgedanke – etwa mit geteilten Produktionsbudgets – verwirklicht worden – eine einmalige Offenheit mit dem Prinzip des Teilens.

„Es ist ein Privileg für uns und die Partner-Kollektive, dass wir unsere Leben mit Euch Besuchern teilen dürfen“, sagt Reza Afisina. Darum gehe es doch: Das Leben der anderen wahrzunehmen. Viele Kollektive kämen aus autoritären Systemen, in denen sie sich nur schwer ausdrücken könnten oder gar öffentlich Gehör fänden, wie zum Beispiel Instar aus Kuba und Wajukuu aus Kenia. Hier auf der documenta, hier in Deutschland fühlten sie sich sicher.

Umgang mit Konflikten

Dass Ruangrupa sich einst für das kollektive Arbeiten entschieden haben, sei auch in Indonesien selten, „dort sind wir nicht Mainstream“, sagt Rakun. Vielleicht hätten sie auch deshalb damit angefangen, weil sie das existierende, hierarchische System für gescheitert hielten.

Ein Problem könne aber entstehen, wenn sich diese Kommunikationspraxis nicht beliebig skalieren lasse – die documenta sei einfach sehr groß. Im Hinblick allein auf Produktivität sei Lumbung nicht die Lösung. „Bestimmte Dinge liegen jenseits unserer Macht. Es gibt Notwendigkeiten zur Verbesserung“, sagt Farid Rakun etwa in Bezug auf Konflikte mit den Sobat-Sobat, den Kunstvermittlern, die miserable Arbeitsbedingungen beklagt hatten.

Das Problem sieht Ruangrupa darin, dass strukturell verschiedene Sichtweisen aufeinanderprallen. Ruangrupa spricht von Freunden, die Besucher durch die Ausstellung begleiten, für die Geschäftsführung soll mit den Rundgängen Geld erwirtschaftet werden. Auch viele Sobat-Sobat wollen mit ihrem Job Geld verdienen. Die documenta lerne aber von Mal zu Mal: 2027 werde sicher fürsorglicher und fairer mit solch einem Thema umgegangen und das Budget gegebenenfalls anders eingesetzt. „Jeder ist jetzt überarbeitet, unterbezahlt und erschöpft“, sagt Farid Rakun, „das ganze Team, auch wir“.

Auch in den Kreisen teilnehmender Künstler gibt es Unmut, „es sind prekäre Situationen entstanden, weil viele Künstler keine Galerie oder Stiftungen im Rücken haben, die zum Beispiel für Reisekosten aufkommen“, sagt Gertrude Flentge.

Reza Afisina und Indra Ameng betonen, wie sehr die Corona-Pandemie die Vorbereitungen beeinträchtigt habe. Es sei aber immer klar gewesen, dass die Ausstellung genau zum vorgesehenen Zeitpunkt stattfinden sollte.

documenta-Abschluss

Soll es noch Programm und Partys geben? Vieles ist aktuell am Entstehen, sagen Ruangrupa. Viele Künstler und Kollektive kommen derzeit wieder nach Kassel und setzen eigene Aktionen an. „Immer mal aktuell auf die Website schauen“, empfiehlt Indra Ameng.

Auf jeden Fall will die künstlerische Leitung vor Ort präsent sein. Ruangrupa haben den Wunsch, dass die Besucher sie ansprechen, Eindrücke, Erlebnisse und Kritik teilen. Auch eine Gesprächsreihe zu Lumbung ist noch geplant, so Mirwan Andan.

Pläne für die Zukunft

„Decompress“, sagen Ruangrupa übereinstimmend auf Englisch als Plan für die erste Zeit nach der d15. Das meint etwa: den Druck rausnehmen. Und „oxygenating“, also mit Sauerstoff betanken. „Noch sind wir unter Wasser und schwimmen“, stellt Farid Rakun metaphorisch fest. Mirwan Andan: „We call it ,müde aber glücklich.“

Klar sei, dass das Lumbung-Konzept über den 25. September hinaus weiterlaufen soll, „es muss genährt werden, damit es weiter funktionieren kann.“ Zugleich hat aber jedes Ruangrupa-Mitglied eigene Projekte, die es weiter verfolgen wird. Wie immer, wie auch vor der documenta. Ohne Eifersucht, „wir treten nicht in Konkurrenz miteinander, wir wetteifern nie, wir sind kein Sportclub mit Mitgliedschaft und Agenda“, sagt Mirwan Andan. Das sei eine Frage des Respekts und des Vertrauens.

Reza Afisina betont, welch warmherziger Gastgeber Kassel sei. „Wir lieben Kassel. Es herrscht hier ein guter Geist.“ Iswanto Hartono und er, die seit zwei Jahren mit ihren Familien in Kassel leben, wollen sogar hier bleiben, um Strukturen des hiesigen Ekosistems, der Nachbarschaftstreffs und anderer Initiativen, zu stabilisieren.

Ihr Traum wäre, so etwas wie das Ruruhaus zu haben, von dem aus sie gerade mit der jüngeren Generation zusammen arbeiten könnten. (Bettina Fraschke, Mark-Christian von Busse, Leonie Krzistetzko, Matthias Lohr)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion