Persönliche Höhepunkte und Enttäuschungen im Überblick

Mythenblau und aktentrocken: Tops und Flops der documenta 14

Kassel. Die documenta 14 bietet immer neue Entdeckungen und persönliche Gründe zum Freuen und Ärgern. Wir sammeln Tief- und Höhepunkte.

Artikel wurde aktualisiert am 31. August um 12:36 Uhr - Die Kulturredaktion stellt in diesem Artikel in einer persönlichen – und sicher nicht vollständigen – Auswahl Werke und Beobachtungen vor, die bisher zu besonders viel Begeisterung oder Verärgerung geführt haben. Die Serie wird bis zum Ende der documenta fortgesetzt. 

Top: Vicuñas Gemälde

In den figurativen Gemälden von Cecilia Vicuña in der Neuen Galerie wird die unbeugsame Männlichkeit der Helden der Revolution auf amüsante Weise dargestellt. Marx umgeben von schwulen Paaren oder Lenin in Gesellschaft von Frauen mit nackten Beinen und surrealistischer Landschaft dahinter. Die ganze Installation hält ein Engel zusammen, er ist aber nicht so, wie eine Religion ihn sich vorstellt, sondern er kommt der Revolution zur Hilfe. Vicuñas Stil hat etwas Ironisches und Paradoxes, eine Art von Aufstand gegen Kolonialismus, er verbindet Unverbindbares und wird zum unterhaltsamen Widerspruch.

Irina Nizovkina

Flop: Bündel aus Bettdecken

Von der südkoreanischen Künstlerin Kimsooja sind die Bündel aus Bettdecken und gebrauchter Kleidung. Sie liegen auf dem Boden im Erdgeschoss des Fridericianums, sind bunt und schön, aber was soll man damit anfangen? Sind das Gepäck-Bündel oder Sitzbezüge? Der Kontext fehlt. Eigentlich sollte die Installation eine Metapher aufs Nomadenleben sein. Das sollte aber genauer erklärt werden.

Irina Nizovkina

Hübsch, aber mysteriös: die Textilbündel von Kimsooja.

Top: Klebeband verwirrt

Ein Klebeband sorgt für Verwirrung: Es ist in der documenta-Halle gespannt. Das Duo aus der Französin Marie Cool und dem Italiener Fabio Balducci arbeitet vor allem mit Büromaterialien. Etwa auf zwei Metern Höhe ist der Klebestreifen angebracht, umschlingt zwei Schränke – sonst hängt er frei in der Luft. Wer sich Zeit nimmt und neben dem Kunstwerk auch die Zuschauer beobachtet, kann bei der documenta viel Spaß haben: Da gibt es die einen, die den Streifen nicht bemerken, andere diskutieren darüber und wieder andere ducken sich vorsichtig ganz tief oder fassen den Streifen an. Der häufigste Satz der Choristen: „Bitte nicht berühren.“

Maja Yüce

Flop: Peter-Friedl-Film

Es war schon enttäuschend, dass Peter Friedl – der schon 2007 mit seinen Kinderzeichnungen auf der d12 vertreten war – im Stadtmuseum genau das gleiche Video zeigt wie im Konservatorium im Athen. Schlimmer noch: „Report“, 32 Minuten lang, erschließt sich nicht. Friedl lässt mehrere Laiendarsteller, Migranten in Athen, Passagen aus Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ in ihren jeweiligen Muttersprachen sprechen. Das mag visuell überzeugend sein, wer aber das Original nicht kennt, bleibt verloren. Vielleicht war diese Orientierungslosigkeit gewollt. Aber wenn das alles ist, ist es einigermaßen dürftig.

Mark-Christian von Busse

Top: Blau im Landesmuseum

Die vier mal elf Meter große, mit Baumwollgarn vernähte Polyethylen-Plane des Mata Aho Collectives – vier in den 80ern geborene Künstlerinnen aus Neuseeland – hängt im Wappensaal, der an den hessischen Uradel erinnert. Im Museum, das den Wurzeln Hessens nachspürt, das hiesige Geschichte darstellt, erzählt das tiefdunkle Blau in Wellenform von einem Wasser-Wesen in der Maori-Mythologie. Auch das Flechten und Nähen zählt zum überlieferten Maori-Wissen. Die Plane ist an einem idealen Ort ausgestellt, den sie auf großartige Weise verändert. Und lässt uns nachdenken über den Wert von Glauben und Traditionen.

Mark-Christian von Busse

Maori-Mythologie im Wappensaal: Im Hessischen Landesmuseum hängt das royalblaue Werk des Mata Aho Collectives.

Flop: D’Arcangelos Ordner

Liegen auf Ihrem Schreibtisch auch Aktenordner? Ist Ihr Drang danach, sie aufzuschlagen auch so groß? An einem Katzentisch im unteren Geschoss der documenta-Halle liegen zwei Ordner, in denen sich Hinweise auf das Wirken des New Yorker Künstlers Christopher D’ Arcangelo (1955-79) verbergen. Er wird in ellenlangen Begleit-Essays im Netz als Künstler vorgestellt, der das „lange bestehende Tabu des Anarchismus als legitime politische Haltung“ gebrochen habe. Etwa durch unautorisierte Aktionen in Museen. Wieder so ein wenig bis nicht bekannter Künstler, dem die documenta posthum Gerechtigkeit verschaffen will. Doch das geht gründlich schief, denn die Präsentation mit abgehefteten Papierstapeln lädt nicht zur Beschäftigung ein.

Bettina Fraschke

Top: Staubsaugervideo

Arien treffen auf häusliche Spielszenen voll sexuell aufgeladener Putz-Euphorie: Das Staubsaugervideo von Roee Rosen ist Zuschauermagnet im Palais Bellevue. Der Besuch der oberen Ebene des Gebäudes ist aber beschränkt. So gibt es auf dem Treppenabsatz darunter eine eigens eingerichtete Wartezone für Saug-Interessierte. Dafür ist jetzt das Zugangssystem geändert worden. Erst durfte immer einer hochgehen, sobald ein Besucher fertig war mit dem Saug-und Sing-Spaß, jetzt werden je 20 Wartende nach oben gelassen, wenn der 23-minütige Film neu beginnt. Begründung: Man bleibt kürzer drin. Besucher die bisher gen Filmende kamen, haben oft nicht nur das Ende und dann vom Anfang bis zu ihrem Einstiegspunkt geguckt, sondern nochmal alles.

Bettina Fraschke

Dafür lohnt sich das Anstehen: das begehrte Video „The Dust Channel“ von Roee Rosen im Palais Bellevue.

Flop: Joar Nangos Bus

Aus Tromsø in Nord-Norwegen ist der Künstler und Architekt Joar Nango mit einem Kleinbus nach Athen gefahren. Im GlasPavillon an der Kurt-Schumacher-Straße hat er eine temporäre Behausung nach SamiTradition gebaut, nett und nachvollziehbar. In der Hauptpost steht als Pendant dazu der Bus, mit dem Nango unterwegs war. In einem Kabinett in der großen Halle. Im hintersten Eck ist das zehnminü- tige Video zu der Aktion zu sehen. Es ist dunkel, eng, der Raum lädt gar nicht zum Besuchen ein. Soll das zeigen, wie unfreundlich es in Europa zugeht, oder so etwas? Oder ist das einfach unglücklich geplant?

Bettina Fraschke

Top: Alexandra Bachezetsis' Vorbereitungsvideo 

Die dazugehörige Performance, die das MoMA in New York in Auftrag gegeben hatte, hätte man zwar gern gesehen, wenn man Alexandra Bachzetsis’ Video „Studies for Massacre“ in der documentaHalle betrachtet. Aber es funktioniert auch so erstaunlich gut, den Menschen auf zwei Projektionswänden bei ihrer endlosen Vorbereitung zuzuschauen. Körper bemalen, mit Folie umwickeln, zwischendurch eine Zigarette rauchen... Drehte sich die Performance um Frauenkörper als Objekt, entsteht hier ein völlig anderer Charakter, eine tolle Backstage-Atmosphäre, auch wegen des Raumdesigns, das die Projektion zu verlängern scheint. 

Bettina Fraschke


 

Geduldige Protagonisten: Anmalen und Warten bei Alexandra Bachzetsis in der documenta-Halle. 

Flop: Müll im Zelt

Das Marmorzelt auf dem Weinberg ist eine der Attraktionen der d14, der Besucherandrang hat jedoch auch eine Kehrseite. Immer wieder liegt Müll im begehbaren Werk von Rebecca Belmore. Ärgerlich, zumal es bei der Skulptur ums ZuGast-Sein geht. 

Saskia Trebing

Top: Vivian Suters Malerei 

Die Künstlerin Vivian Suter ist in Panajachel, einem Dorf am Atitlansee in Guatemala, in einer überbordenden, tropischen Landschaft zu Hause. Ihren Glas-Pavillon an der Kurt-Schumacher-Straße schließt sie mit Bildern hermetisch ab. Es ist ein toller Raum. Die auf der Vulkaninsel Nisyros geschaffenen Malereien auf ungerahmten Leinwänden und Papier, für deren Entstehung sie Erde und Pflanzen verwendete, entfalten ungeheure Wirkung. Es ist spürbar, wie nah die 1949 in Buenos Aires als Tochter europäischer Exilanten geborene Künstlerin in und mit der Natur lebt. 

Mark-Christian von Busse 

Flop: Nashashibi-Film 

Malerin Vivian Suter – siehe oben – lebt in Guatemala mit ihrer Mutter Elisabeth Wild zusammen. Die Collagen der gebürtigen Wienerin, Jahrgang 1922 (!), werden in der Neuen Galerie gezeigt. Rosalind Nashashibi hat die Künstlerinnen aufgesucht, ihr Film läuft im Naturkundemuseum: faszinierende Impressionen vom Leben auf der ehemaligen Kaffeeplantage, im Schatten üppigster Vegetation, mithilfe von Dienstpersonal. Sie geben auch einen Eindruck des MutterTochter-Verhältnisses. Doch wirken die Bilder gleichzeitig beliebig, zufällig, zäh. Man verlässt das Ottoneum mit dem Bedauern, dass man gern so viel mehr erfahren hätte. 

Mark-Christian von Busse

Top: Ashley Hans Scheierl

Bei all den Werken in der Neuen Galerie, die sich mit Gewalt und Unterdrückung beschäftigen, gehen die künstlerischen Plädoyers für ein wenig Leichtigkeit schnell unter. Doch bei Annie Sprinkle, Lorenza Böttner und Ashley Hans Scheierl findet sich dann doch ein Hauch von Sexyness und der Appell, Anderssein mit Stolz als Alleinstellungsmerkmal vorzuführen. Besonders Ashley Hans Scheierl, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden will, schafft im Erdgeschoss ein optimistisch glitzerndes Ensemble aus Malerei, Skulptur und Video, das Accessoires der Drag-Queen-Szene zelebriert. Besonders erfreulich: die nonchalant im Türrahmen platzierten goldenen Pappmaché- Hoden. Zusammen mit Annie Sprinkles Bronzeuntzerhöschen endlich ein Funken d14- Humor. 

Saskia Trebing


Flop: Thomas Dicks Fotos

Hinter den Schwarz-Weiß-Fotografien von Thomas Dick im Sepulkralmuseum steckt sehr viel. Um zu erfahren, was, brauchen Besucher aber Nerven. Sie müssen sich drei Seiten Text durchlesen, sich dafür unbequem über eine Glasvitrine beugen, die Hintergrundgeräusche aus der Audio-Installation ein Stockwerk tiefer ausblenden, und wenn sie dann noch den Bezug zu den Fotos herstellen wollen, immer wieder hoch schauen, ohne auf dem Text in der Zeile zu verrutschen. Das alles, um zu verstehen, dass ein Enkel der Abgebildeten mit seiner Doktorarbeit die Fotografierten aus der Ecke anonymer Illustrationsobjekte und reiner Platzhalter für eine Gesellschaftsstudie holte, indem er die Abgebildeten identifizierte und ihnen eine eigene Stimme gab. Anstrengend. 

Valerie Schaub

Top: Wróblewkis Bildserien

Das öffentliche Leben in Krakau scheint minutenlang stillzustehen. Arbeiter, Passanten, Kinder, Polizisten halten inne. Lautsprecher verkünden auf den Straßen den Tod Stalins. Diesen Moment hat der polnische Künstler Andrzej Wró- blewski (1927-1957) in seiner Serie von sechs Tuschezeichnungen mit dem Titel „Mourning News“, Trauernachrichten, eingefangen. Die ausdrucksstarken Bilder hängen in der Neuen Galerie mit weiteren Werken des Künstlers. Mit großer räumlicher Tiefe und technisch eindrucksvoll realisiert, vermitteln die Blätter sehr präzise einen Moment des inneren Erstarrens der Menschen. 

Bettina Fraschke

Trauernachricht: Andrzej Wróblewskis Serie "Mourning News" von 1953 in der Neuen Galerie. 


Flop: Daybook unvollständig

Es gibt ohnehin wenig Informationen über die Künstler und ihre Arbeiten. Wer das Daybook zurate zieht, hofft auf Hintergründe – wird aber in vielen Fällen enttäuscht. Es verzeichnet nur lebende Künstler der documenta. Also viele, viele nicht. Und es lässt Künstler aus dem Fridericianum außen vor. Hier entsteht ein wenig der Eindruck einer Benachteiligung der Künstler, die das griechische Museum EMST in Kassel zeigt. 

Bettina Fraschke

Nur teilweise nützlich: Das Daybook der documenta. 


Top: Video von Mary Zygouri

Wo ist Szymczyk? Das scheint viele zu beschäftigen, obwohl es jetzt ja vor allem um die Kunst geht und nicht um den Kurator, der seine documenta-Präsenz arg dosiert. Wo Adam Szymczyk kurz auftaucht, das ist in Mary Zygouris fabelhafter Videoarbeit im Palais Bellevue. Die Athenerin hat eine vielstimmige, visuell beeindruckende Collage über das Erinnern geschaffen. Ausgangspunkt ist eine deutsche Razzia 1944 im Städtchen Kokkinia, bei der Widerständler getötet und verhaftet wurden. Eine wichtige Botschaft vermittelt der 16- minütige Film nebenbei: Man kann immer abseits stehen. Man muss nicht mitmachen.

Mark-Christian von Busse

Flop: Schluss vor 20 Uhr 

Zehn Minuten können wertvoll sein in der Überfülle der documenta, gerade wenn man erst das Abendticket ab 17 Uhr nutzt oder mit der Dauerkarte nach der Arbeit schnell noch einen Eindruck erhaschen will. 10 Minuten – genau so lange dauert Bill Violas starkes Video „The Raft“ oben im Fridericianum. Dort aber beginnen die Aufsichten um 20 vor acht, zum Gehen aufzufordern. Wird es also heute nichts mit Bill Viola. Im Erdgeschoss versperren auch schon Aufsichten die Eingänge – „der Hausmeister will um 20 Uhr die Tür abschließen.“ Steht man also um 19.50 Uhr vor der Tür. Zehn kostbare Minuten verloren.

Mark-Christian von Busse

Top: Geräusch-Kunstwerke

Vom ganzen Kunstschauen können die Augen schon mal müde werden. Umso erfrischender ist es, wenn einem in manchen Räumen oder im Freien ein Rauschen, Flüstern und Zischen zu Ohren kommt. Dann kann der Zuschauer die Augen schließen und den teils skurrilen Klängen lauschen. Besonders geheimnisvoll schleichen sich die Stimmen der „Whispering Campaign“ ins Gehör, ob an der Ampel im Straßenverkehr oder auf der Bank am Friedrichsplatz. Die Ohren spitzen lohnt sich auch für Jani Christous Stimmen-Gewirr „Epicycle“, den Rupert Huber für die Aufführung adaptiert hat. Zu Hören ist er in der documenta-Halle.

Valerie Schaub

Flop: Video „Act“

Bei der Eröffnungspressekonferenz der d14 hielt Kurator Paul B. Preciado ein Plädoyer für die Ermächtigung nicht-weißer Körper. Die, die als exotische Exponate ausgestellt wurden, sollen die Vitrinen sprengen. Im Ottoneum – ein Ort der Klassifizierungen und Vitrinen – löst sich dieser Anspruch nur teilweise ein. Im Video „Act“ des mongolischen Künstlers Ariuntugs Tserenpil sieht man seinen verpixelten Mund in Nahaufnahme, wie er Moos kaut und ausspuckt. Der Akt ist so langwierig und banal, dass man etwas Symbolisches darin wittern muss. Trotz Nachdenkens und Wandtext über Konsum und Umweltzerstörung lässt sich im Video selbst kaum mehr erkennen, als ein nichtweißer Körper bei einer archaischen Tätigkeit. Unangenehm nah an der Vitrine. 

Saskia Trebing

Top: Iver Jåks' Skulpturen

Die Auszeichnung für das monumentalste samische Rentierkunstwerk der d14 geht sicher an den Schädelvorhang der Norwegerin Máret Ánne Sara in der Neuen Hauptpost. Dass es auch eine Nummer dezenter geht, beweist der in Karaschok in Nordwegen geborene Iver Jåks (1932-2007), dessen minimalistische Skulpturen im Obergeschoss des Palais Bellevue zu sehen sind. Jåks verband die Techniken und Materialien des traditionellen samischen Handwerks mit den Formen der westlichen Moderne, die er bei seinem Kunststudium und in der Avantgardeszene Kopenhagens kennenlernte. Die teils winzigen Skulpturen sind aus organischen Stoffen wie Knochen und Pflanzenfasern gemacht, die irgendwann zerfallen werden – ästhetische AntiMonumente.

Saskia Trebing

Minimalismus trifft Handwerkstradition: Skulpturen des samischen Künstlers Iver Jåks im Pallis Bellevue


Top: Ulises Carrións Video

Ausgerechnet neben dem Café in der documenta-Halle, unten, da wo man zum Essenfassen, Fahrstuhl oder zur Toilette strebt, steht der Bildschirm mit dem Video „Chewing Gum“ von Ulises Carrión. Der mexikanische Künstler, Schriftsteller und Buchhändler (1941-1989) filmt Menschen, die Kaugummi kauen und mit einem unfassbar leeren Blick schauen – vielleicht ihrerseits auf ein TV-Gerät, was eine hinterlistige Verdoppelung der Betrachtungssituation erzeugen würde. Die Beiläufigkeit des Films ebenso wie die der Inszenierung des Bildschirms im Raum ist auf dieser bedeutungsschwangeren Schau wohltuend, fast cool. 

Bettina Fraschke

Wandfüllend: Andrea Bowers „No Olvidado“.

Flop: Bleistiftzeichnung „No Olvidado“

Mit Chantal Akermans thematisch ähnlicher, aber großartig vielschichtiger Videoarbeit „From The Other Side“ von der D11 kann Andrea Bowers wandfüllende Bleistiftzeichnung „No Olvidado“ (Unvergessen) im Fridericianum l nicht mithalten. Die US-Künstlerin verzeichnet – ergänzt von Stacheldraht-Schlaufen – Namen von Menschen, die an der US-mexikanischen Grenze starben. Mehr dekorativ als facettenreich.

Bettina Fraschke

Ich, der Soldat: Köken Erguns eindrucksvolle Videoarbeit „I, Soldier“ im Fridericianum. Links ein Militärpolizist.

Top: Köken Erguns Video

Die sieben Minuten „I, Soldier“ von Köken Ergun im Fridericianum haben ungeheure Wucht. Der Istanbuler Künstler, Jg. 1976, hat junge türkische Soldaten bei einer Stadion-Präsentation aufgenommen. Exerzieren im Gleichschritt, Salutschüsse, Fahnen, aber auch HipHop, Trampolin-Salti und Karatevorführungen werben fürs Militär.

Die Parade lässt spüren, wie attraktiv das sein kann, sich in einer Armee einzuordnen, sich in der Masse aufgehoben zu fühlen. Das pathetische Gedicht eines Kommandeurs aber gipfelt im „Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich.“ Er verflucht, „die unseren Pfad verlassen“. Jubel. Gruselig.

Mark-Christian von Busse

Flop: Schutz für Werke nötig

d14-Aufsicht ist garantiert kein leichter Job. Dass Rucksäcke – wie in Museen üblich – abgegeben werden müssen, dürfte eigentlich selbstverständlich sein. Aber viele Besucher sind offenbar sonst nie in Ausstellungen.

Manchmal glaubt man seinen Augen nicht: Da legt sich ein Mann im Palais Bellevue fast auf eine Vitrine, bloß um sein Handy direkt über dem Werk zu platzieren. Die Folge manchmal respektlosen Verhaltens: Immer mehr Arbeiten müssen geschützt werden, durch Sperren oder Markierungen. Vor Georgios Xenos’ toller Kohlezeichnung im Fridericianum hängen neuerdings Glasscheiben. Schade.

Mark-Christian von Busse

Top: Lorenza Böttners Bilder

Die Biografie von Lorenza Böttner klingt wie ausgedacht: Sie wurde als Ernst Lorenz Böttner in Chile geboren, verlor mit neun beim Spielen durch einen Starkstromunfall beide Arme, studierte an der Kasseler Kunsthochschule und starb 1994 an den Folgen von HIV.

Gibt man ihren Namen im HNA-Archiv ein, fand man bislang nur einen Artikel aus dem Jahr 1980. Damals schaffte „Herr Böttner“ als erster Nordhesse ohne Arme den Führerschein. Nun kann man in der Neuen Galerie endlich die Künstlerin Lorenza Böttner entdecken – unter anderem hängt dort ein faszinierendes Selbstporträt, das sie mit den Füßen malte.

Matthias Lohr

Maschine gegen Mensch: Plakatives Video von Regina José Galindo im Palais Bellevue.

Flop: Regina José Galindo vor Panzer

Für viele war die Scheinhinrichtung, bei der die Besucher mit Plastikgewehren auf die reglose Regina José Galindo zielen konnten, eine der eindrücklichsten Performances der d14. Denkt man das Video im Palais Bellevue hinzu, indem sie (etwas arg theatralisch keuchend und irritierend langsam) vor einem Panzer davonjoggt, entsteht für mich jedoch ein problematisches Bild eines weiblichen Körpers.

Galindo inszeniert sich in ihrer Zartheit als völlig ausgeliefert und bedient das Stereotyp der wehrlosen Weiblichkeit. Das ist sicher für viele Frauen schreckliche Realität. Doch durch ihre documenta-Beiträge – die ihr Sichtbarkeit und Handlungsmacht verleihen – reproduziert die Künstlerin nur Bilder von weiblicher Schwäche, von denen es schon zu viele gibt.

Saskia Trebing

Top: Ben Pattersons Frosch-Installation

Wer sagt eigentlich, dass die documenta keine sinnlichen Momente bietet? Wer schon mal bei Dunkelheit (am besten bei samstäglichem Laserlicht aus der Orangerie) um Ben Pattersons Frosch-Installation am Küchengraben geschlichen ist, erlebt ein hysterisch surreales und zuweilen leicht gruseliges Klanguniversum.

Die geisterhaft sprechenden, quakenden und singenden Zweighaufen wirken bei Nacht noch mehr wie versteckte Wesen im Dickicht. Pattersons Arbeit zeigt, wie Kunst ganz ohne theoretische Aufladung einen Ort komplett verwandeln kann.

Eine romantisierende Wirkung scheinen die Lautsprecher-Frösche ebenfalls zu haben. Auf der Bank an der Grabenbrücke sitzen auffällig viele knutschende Paare.

Saskia Trebing

 

Hinschauen, wo es wehtut: Artur Zmijewski zeigt in der Neuen Hauptpost beinamputierte Männer im Alltag und beim Sport.

Top: Artur Zmijewskis Körper

Artur Zmijewski ist ein Kontroversen-Garant. Sein Werk „Fangen“ (1999) zeigt Nackte beim Fangenspielen in einer Gaskammer, immer wieder wird dem polnischen Künstler Pietätlosigkeit vorgeworfen. Auch auf der d14 – seiner zweiten documenta-Teilnahme nach 2007 – lässt sich sicher über seine Arbeit streiten. In der Neuen Hauptpost zeigt er in einem Videoraum beinamputierte Männer, die Sport treiben und einbeinig Treppen hüpfen. Das kann man voyeuristisch nennen, oder einen alternativen Blick auf das, was ein sportlicher, attraktiver Körper jenseits von Normen ist. Die ästhetischen Schwarz-Weiß-Bilder legen Letzteres nahe. Hinschauen lohnt sich.

Saskia Trebing

Ignorant: Bücher ohne Hinweis auf Les gens d’Uterpan.

Flop: Bücher in der Torwache

Es ist möglich, dass ich etwas nicht verstanden habe, aber das Werk des Performance-Duos Les gens d’Uterpan in der Torwache stellt sich mir folgendermaßen dar: Annie Vigier und Franck Apertet zeigen ein Regal mit Büchern, in denen sie nicht erwähnt werden, obwohl sie denken, dass sie das sollten. Der Begleittext spricht vom Verhältnis zwischen Geschichte und Kunst. Vor allem wirkt das Werk aber ein wenig beleidigt.

Saskia Trebing

Top: Poesie der Seife - Otobong Nkanga lädt ein

Es gibt zu wenig Erklärungen auf der d14? Einfach dorthin gehen, wo die Seife ist. Dort erläutern die Performer ganz wunderbar die poetische Arbeit „Carved to flow“ der nigerianischen Künstlerin Otobong Nkanga. Mit einem Bauchladen mit Mulden für Seifenlauge und Pflanzen und mit einem bedruckten Poncho ausgestattet, erklären sie die Tradition der Seifenproduktion in Aleppo, die verschiedenen Öle, die in den schwarzen Würfeln verarbeitet sind, die Kohle, die alle Wohlgerüche unterdrückt. Sie erzählen von Hausbauweisen in Kamerun, rezitieren Gedichte und sprechen über den Gedanken des Teilens und Weitergebens. 

Bettina Fraschke

Flop:  d14 als Bühne - Trittbrettfahrer

Neulich spielte abends ein Pianist auf dem Friedrichsplatz. Die sommerlich-leichte Atmosphäre war zauberhaft. Das war toll.

Die documenta lockt aber immer wieder auch Spinner und Trittbrettfahrer, die darauf spekulieren, selbst von der Aufmerksamkeit für die Ausstellung zu profitieren. Natürlich ist die Auseinandersetzung mit der Kunst legitim und notwendig. Es ist allerdings schon merkwürdig, wie viele Menschen meinen, sich an der documenta abarbeiten zu müssen, die lustvoll ihre Macher provozieren und die documenta als Bühne für die eigene Selbstdarstellung missbrauchen. Sie nerven.

Mark-Christian von Busse

Top: Bürger! von Dmitri Pitrow

Die rätselhaften Zettelchen mit Aufrufen an die „Bürger!“ im Presse- und Informationszentrum (ehemals Leder Meid), unterzeichnet von einem Dmitry Aleksanych, gehören zu den unscheinbarsten, aber einprägsamsten Werken der d14. Dmitri Alexandrowitsch Prigow (1940-2007), der schon auf der d8 in Kassel vertreten war, landete in der Sowjetunion für seine poetischen, wundersamen Aufrufe „An die Bürger“ zeitweilig in der Psychiatrie. Seine Appelle hatten die Propaganda perfekt nachgeahmt, die Staatsmacht provoziert und ad absurdum geführt. Bizarr ist, dass die d14 aus den Adressaten des Originals „Bürger_innen“ macht.

Mark-Christian von Busse

Flop: Laufsteg-Raum von Irena Haiduk

Ein Hinweisschild hängt mittlerweile im Treppenhaus vor dem Raum der Belgrader Künstlerin Irena Haiduk in der Hauptpost alias Neue Neue Galerie. Daraus gehen Werktitel und eine Beschreibung der zur vollen Stunde stattfindenden Aktion in dem dunklen Nebengelass hervor. Ansonsten bringt einen der eigentlich sehr schöne, elegante Raum mit seinem Yugoexport-Shop und seinem Laufsteg in eine angespannte Erwartungshaltung, die nicht unbedingt angenehm ist. Der Shop ist wenig attraktiv gestaltet, umwirbt seine potenzielle Kundschaft nicht – das könnte natürlich auch Konzept sein. Die Stühle am Laufsteg sind meist gut von Besuchern belegt, es stehen mehr Aufsichten herum als anderswo, sodass man unsicher wird, ob hier nicht doch bald irgendwas stattfindet.

Bettina Fraschke

Zwischen Menschen und Tieren: der Maskenfilm von Khvay Samnang im Ottoneum.

Top: Maskentänze - Höhepunkt im Ottoneum

Während es im Naturkundemuseum vor den Kunstwerken wuselig zugeht, gibt es dort auch Räume, in denen man innehält. Einer davon ist der Kinoraum von Khvay Samnang. Seine Videos vom Tiermaskenballett im Dschungel von Kambodscha sind ein visueller Höhepunkt.

Auf den beiden großen Leinwänden werden meist abwechselnd, mal in Nahaufnahme und dann in der Totalen Menschen gezeigt, die sich mit den Masken wie Tiere bewegen – durch Flüsse, auf Bergen und in Büschen. Bedächtig sind die Bewegungen, nie hektisch. Dazu die unverfälschten, natürlichen Geräusche. Wasser rauscht, Wind weht, Blätter rascheln. Man kann sich kaum lösen von den Bildern, der Entdeckungsreise, dem Perspektivwechsel. Tierisch schön.

Maja Yüce

Top: Amar Kanwars Film ist überwältigend

Wer sagt, dass man Kunst gleich verstehen muss? Eine Mozartsonate will man sich ja auch nicht sofort erklären lassen. Es ist also egal, dass sich Amar Kanwars 85-minütiger Film „Such a Morning“ in der Neuen Galerie nicht einfach erschließt. Er handelt, ganz verkürzt, von einem Mathe-Professor, der lieber als Eremit in einem Eisenbahnwaggon lebt, und von einer Frau, deren Haus über ihr abgebrochen und eingerissen wird. Worauf es aber ankommt: Es sind überwältigende, perfekt komponierte Bilder. Faszinierendes Licht, ein Malen mit der Kamera. Sparsam eingesetzte, effektvolle Musik. Der indische Künstler Kanwar ist ein Magier.

Von Mark-Christian von Busse

Flop: Wandtexte - Alles wird eingeordnet

Viele documenta-Besucher klagen über fehlende Wandtexte in den Ausstellungsräumen. Doch auch wenn welche da sind, beschreiben sie oft mehr das allgemeine d14-Konzept als die Werke an sich.

Viel dreht sich vage und wortgewaltig um Gewalterfahrung, Kolonialismus und die Kunst als Ermächtigungsstrategie. Liest man die zuweilen stark wertenden Schilder in Kombination mit den Texten in den d14-Publikationen, kann man den Eindruck gewinnen, all diese Kunst sei nur entstanden, um das kuratorische Konzept zu stützen. Diese Rhetorik vereinheitlicht, was verschieden ist – und steckt sehenswerte Werke in eine zu enge Schublade.

Saskia Trebing

Top: Computer trifft Stoff bei Marilou Schultz

Migration der Formen hieß das Schlagwort bei der d12. Bei Marilou Schultz in der Neuen Galerie toll zu besichtigen. Die Navajo-Künstlerin webte einen traditionellen Teppich – aber nach der Struktur eines Computer-Chips. Hier gibt es Bezüge zu den indigenen Frauen, die in den 70ern in einer Computer-Fabrik im US-Staat New Mexiko arbeiteten.

Bettina Fraschke

Flop: Der Lautstärkepegel

Womöglich entsteht der Lautstärkepegel der vielen „Spaziergänger“-Gruppen in den Ausstellungsräumen aus purer Begeisterung und Engagement fürs gemeinsame Diskutieren.

Jedenfalls ist zu merken, dass viele Choristen und ihre kleinen Scharen Debattenwilliger sich derartig in die Gespräche hineinsteigern, dass sie oft nicht mehr recht das Maß finden, wie laut man eigentlich sein sollte angesichts von zahlreichen Besuchern ringsum, die in ihrer eigenen documenta-Erfahrung stecken. Allenfalls müssten die die Lautstärke nutzen für ihr persönliches Konzept des d14-erwünschten „Ent-Lernens“.

Bettina Fraschke

Top: Tolles Symbol - Kassel raucht weiter

Kassel qualmt weiter. Ob der Künstler Daniel Knorr nun falsch verstanden wurde oder nicht: Auch nach der d14 in Athen schickt Kassel Rauchzeichen vom Zwehrenturm. „Warme Signale“ sollte der Rauch nach Athen senden - jetzt sendet Kassel eben warme Signale an alle. In einer Zeit, in der die menschliche Kälte zunimmt, ist das doch ein tolles Symbol.

Maja Yüce

Video Zwehrenturm

Flop: Zevallos-Installation

Tritt man aus Amar Kanwars Film, steht man in der Neuen Galerie in der Installation „A War Machine“ von Sergio Zevallos. Mich berührt sie äußerst unangenehm. Der Peruaner schlägt vor, Verantwortliche des „militärisch-industriellen Komplexes“ in einem schamanischen Ritual der Amazonas-Indianer symbolisch zu Schrumpfköpfen zu verarbeiten. Rüstungsmanager und Politiker sind wie Fahndungsaufrufe aufgereiht. 

Schaurige Reihe: Die Schrumpfköpfe von Sergio Zevallos in der Neuen Galerie stellen Personen des öffentlichen Lebens an den Pranger.

Die Steckbriefe spitzen komplizierte Sachverhalte nicht nur zu, personalisieren Strukturen, verkürzen politische Zusammenhänge. Für meine Begriffe sind die Schrumpfköpfe wie ein Gewaltaufruf zu lesen. Und was macht eigentlich Beate Zschäpe neben Ursula von der Leyen und Christine Lagarde? Darf man so alles in einen Topf werfen?

Mark-Christian von Busse

Top: „Acts of Appearance“ von Gauri Gill

Die Inderin Gauri Gill war Fotojournalistin, bevor sie den möglichst objektiven Kamerablick gegen einen künstlerischen getauscht hat. In ihrer Bilderserie „Acts of Appearance“ im obersten Geschoss des Hessischen Landesmuseums benutzt sie einen genauso einfachen wie wirkungsvollen Kniff, um bei der Dokumentation des Alltagslebens im ländlichen Indien dem Milieustudien-Armutskitsch zu entkommen.

Gauri Gill ließ ihre Protagonisten Masken anfertigen und fotografiert die Familien als absurdes Puppentheater. Diese Strategie weist einerseits auf die Künstlichkeit des Genres der Fotoreportage hin. Andererseits sind die Bilder von einem kehrenden Adler oder einer Wasser holenden Ziege gut komponiert und hochamüsant.

Saskia Trebing 

Top: Georgia Sagris Pavillon der Körperteile

Dass sich eine interessante Wirkung ergibt, wenn viele sich gleichende Objekte in einem Raum arrangiert sind, ist inzwischen so bekannt, dass solche „Masseninstallationen“ in der Kunst ein wenig verpönt sind. Trotzdem funktioniert das Prinzip bei Georgia Sagris Pavillon in der Kurt-Schumacher-Straße hervorragend. Sehen ihre Körperteil-Skulpturen am Friedrichsplatz und auf dem Uni-Campus etwas verloren aus, verdichten sie sich in dem 60er-Jahre-Glaskasten zu einem abstrakten Form- und Farbspektakel, das aus jedem Blickwinkel anders wirkt. Der (nicht betretbare) Kunstraum wird zum Terrarium für Fantasiewesen. 

Deshalb zählt der Pavillon von Georgia Sagri zu unseren Tops. 

Saskia Trebing

Flop: Der Übersichtsplan der documenta 14

Es ist auch eine Kunst, wenn man es schafft, mit einem Übersichtsplan Besucher zu verwirren. Immer wieder trifft man in der Stadt ratlose Menschen, die mit dem documenta-Stadtplan in der Hand um Hilfe bitten. Vielleicht ist es ein heimliches Ziel der d14, so die Menschen ins Gespräch zu bringen. Ist es das nicht, wovon auszugehen ist, ist der Stadtplan vor allem eines: irreführend. 

Deshalb gehört der Übersichtsplan der documenta 14 zu unseren Flops. 

Maja Yüce

Top: Olaf Holzapfel thematisiert Gartenzaun

Wer nur Olaf Holzapfels Klettergerüst-Skulptur in der Aue wahrnimmt, kann damit oft nichts anfangen. Im Palais Bellevue nimmt durch Architektur-Zeichnungen, abstrakte Strohbilder, Fotos und Videos jedoch ein Projekt Gestalt an, das sich akribisch mit Linien, Trennungen und dem Raum zwischen innen und außen beschäftigt. Das Video „Latitude 40˚“ zeigt von Zäunen durchschnittene Prärielandschaft, die das Bedürfnis von Menschen illustriert, Grenzen zu ziehen. Eine deutsche Video-Anleitung für den perfekten Gartenzaun ist zudem höchst skurril und entlarvend. Ich zäune, also bin ich. 

"Latitude 40°": Die Video-Anleitung für den perfekten Gartenzaun von Olaf Holzapfel - einer unserer Tops bei der d14. 

Saskia Trebing

Karte: Alle Kunstwerke der documenta 14

Flop: Maria Eichhorn und ein Kasseler Raubkunst-Fall

Maria Eichhorn stellt in der Neuen Galerie einen bedrückenden Kasseler Raubkunst-Fall vor. Sie zeigt, wie perfide die bedeutende Sammlung des Bankiers und Mäzens Alexander Fiorino (1842-1940) zerschlagen wurde. Die Schriftstücke lassen einen nicht los. Allerdings erweckt Eichhorn den Eindruck, all das sei ihre Entdeckung. Bereits 1994 gab es aber in der Neuen Galerie eine Ausstellung zur Sammlung Fiorinos. Sie verschweigt auch, dass in den 50er-Jahren ein Rückerstattungsverfahren mit einem Vergleich beendet wurde und den Erben eine Entschädigung für Objekte in Museumsbesitz gezahlt wurde. 

Interessanter Fall - lückenhaft präsentiert: Maria Eichhorn gehört für uns zu den Flops der documenta 14. 

Mark-Christian von Busse

Top: Kissen-Panzer bei der documenta 14

Immer wieder geht es bei der d14 um Krieg. Dafür steht auch der Panzer „Polemos“, den Andreas Angelidakis im Fridericianum aufgebaut hat. Sitzmodule aus Vinyl und Schaumstoff in Flecktarnfarbe hat er zu einem flexiblen Panzer arrangiert. Kaum an einem anderen Ort wird bei der d14 hart und weich zugleich klar, dass in jedem Werk eine reale Welt steckt. 

Kriegswerkzeug als Kuschel-Oase: Ganz klar ein Top. 

Maja Yüce

Flop: Raumkonzepte der documenta 14 rauben Videos Wirkung

Es gibt Videoarbeiten, die auf der d14 großartig präsentiert sind: Romuald Karmakar in der Orangerie zum Beispiel, oder Michel Auder im Kulturbahnhof. Aber es gibt auch bedauerlich viele Kunstwerke mit bewegtem Bild, die sich nicht mit der Aufmerksamkeit und Muße anschauen lassen, die das Medium erfordert. So stehen beispielsweise die Fernseher mit Filmen von Ulises Carrión in der documenta-Halle recht unpoetisch im Durchgangsverkehr. Das leise Pferde-Video „Criollo“ von Ross Birell in der Neuen Hauptpost wird auch mit Kopfhörern vom Überwältigungs-Klangteppich des Theo-Eshetu-Werks „Atlas Fractured“ erschlagen und bei Annie Sprinkle und Beth Stephens in der Neuen Galerie ist ihre Video-Zeremonie zwischen Bilder und Dokumente gequetscht. Verschenkt. 

Vollgestopfte Räume, die der Kunst zu wenig Platz zum Wirken lassen? Klarer Flop. 

Saskia Trebing

Top: Zafos Xagoraris sagt "Willkommen" zur documenta 14

Das unterirdische Gleis am Kulturbahnhof, wo es scheint, als habe die Zeit stillgestanden, ist ein spektakulärer Empfangsbereich für die d14. documenta-Leiter Adam Szymczyk rät, den Besuch hier zu beginnen. Tatsächlich befindet sich am Ausgang, dort, wo man wieder ins Licht tritt, ein Schild: "Seid gegrüßt" oder "Willkommen" auf Griechisch. Die Installation von Zafos Xagoraris, "The Welcoming Gate", bezieht sich auf ein Transparent, das 1916 am Görlitzer Bahnhof 6500 Soldaten des neutralen Greichenlands begrüßte. Sie wurden interniert, für drei Jahre, sollten sich aber doch als "Gäste der Reichsregierung" fühlen. Der Athener Kunstprofessor erinnert daran - und schlägt eine Brücke zur Diskussion um die heutige "Willkommenskultur".

Historisch eingebetteter und in seiner Präsentation simpler Kommentar zur Willkommenskultur - Top. 

Mark-Christian von Busse

Top: Susan Hillers Video

„Ich wünsche mir, dass die Kinder wissen, wie die Wichita-Sprache klang“, sagt eine Stimme. Zu sehen ist die Frau nicht. In dem kleinen Kinoraum in der Grimmwelt blickt man auf eine fast schwarze Leinwand. Um so eindringlicher wirken die fremden Sprachen, die man ohne die Untertitel nicht verstehen könnte. Susan Hillers Video „Lost and Found“ verlangt, dass man hinhört, aufmerksam ist. Die verloren gegangenen und gefährdeten Sprachen spielen plötzlich eine zentrale Rolle. Die wiederbelebten Sprachen zeigen, dass die Wiederkehr möglich ist. Das macht Hoffnung in einer d14-Ausstellung, die sehr oft von Gewalt, Flucht und Vertreibung handelt. Maja Yüce

Flop: Terre Thaemlitz' heimtückische Kunst

Ja, Kunst ist offen. Und ja, es gibt für Kunst keine Grenzen. Doch gibt es die sehr wohl für die Betrachter. An diese Grenze stößt „Lovebomb“ von Terre Thaemlitz im Sepulkralmuseum. Man sieht sehr krisselige Bilder und realisiert erst nach und nach (zu spät), was passiert. Ein Mann, eine Frau, ein Bett – ein brutaler sexueller Übergriff. Hier ist die Kunst heimtückisch. Maja Yüce

Zwischenbild: „Lovebomb“ von Terre Thaemlitz.

Top: Stanley Whitney im Farbrausch

In der theoretisch überfrachteten, leseintensiven d14 ist dieser Saal eine absolute Ausnahme: Bei den Gemälden von Stanley Whitney regieren pure Farben. Gleich neben Miriam Cahns ausdrucksstarken, berührenden Bildern hat der 1946 in Philadelphia geborene US-Künstler einen ebenso starken Auftritt – auch wegen dieser beiden Räume gehört die documenta-Halle zu den herausragenden Standorten.

Stoisch schichtet der US-Amerikaner Farbblöcke aneinander, immer von links oben nach rechts unten, wie es heißt, einen nach dem anderen. Sein Ziel, so der Katalog: In jedes Bild so viel Farbe wie möglich zu packen. Die schiefen, bunten Raster faszinieren. 

Mark-Christian von Busse

Flop: „Commensal“ - ein widerlicher Film

1981 tötete der japanische Doktorand Issei Sagawa in Paris eine Kommilitonin, teils verspeiste er sie. Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie kehrte er nach Japan zurück, wo ihn die Filmemacher Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor aufgespürt und befragt haben. Ihr Beitrag „Commensal“ läuft in der „Tofufabrik“, fern vom documenta-Geschehen. Zum Glück. Es hat sicher seine Berechtigung, sich mit menschlichen Abgründen zu befassen – schon weil es sie gibt. Wie hier aber dem alten Mann eine Bühne gegeben wird, der anhand eines alten Albums lustvoll-distanziert in Erinnerungen schwelgt, ist problematisch. Gruselig. Eklig. Widerlich. 

Mark-Christian von Busse

Top: Die sakrale Pause von Romuald Karmakar

Videos finden in ihrer zeitfordernden Natur im documenta-Trubel oft nur kurz Beachtung. Romuald Karmakar hat es jedoch geschafft, den Westflügel der Orangerie in einen sakral anmutenden Raum zu verwandeln, den man gar nicht mehr verlassen will. In den Bildern opulenter Gotteshäuser und den hypnotischen Gesängen der orthodoxen Geistlichen wirkt die atemlose Ausstellung plötzlich weit weg. 

Saskia Trebing

Flop: Idealkörper in der "Armee der schönen Frauen"

Dass sich die documenta für Vielfalt der Geschlechter- und Körperbilder einsetzen will, ist löblich. Genau das Gegenteil tut jedoch die „Armee, der schönen Frauen“, die Irena Haiduk mit Büchern auf dem Kopf durch die Stadt schickt. Zwar stand in ihrem Bewerbungs-Aufruf, dass die Künstlerin alle Arten von Frauen sucht, ihre schlichten bunten Kleider mit dem Titel „Yugoform“ werden jedoch nur in Größe 38 hergestellt (wie schmal das ist, lässt sich im documenta-Shop am Friedrichsplatz überprüfen). Dadurch ist Haiduks Schönheits-Armee eine recht normierte Spaziergemeinschaft geworden, die sich von den Körper-Idealen der Modeindustrie nicht wesentlich abhebt. 

Saskia Trebing

Schönheit trägt Größe 38: Die Künstlerin Irena Haiduk wählt für ihre Performance „Spinal Discipline“ nur dünne Frauen.

Top: Agnes Denes' Pyramide

Man könnte es natürlich einfallslos nennen, dass Agnes Denes (86) in Kassel das gleiche Kunstwerk zeigt, das 2015 schon in New York zu sehen war. Trotzdem ist ihre bepflanzte „Lebendige Pyramide“ ein unaufgeregtes Monument aus Geometrie und organischen Formen, das im Laufe der d14 immer weiter erblühen wird. Das Werk, das im Nordstadtpark einen idealen Standort zwischen grillenden und picknickenden Kasselern gefunden hat, zeigt, was die sogenannte „Land Art“ will: sich in die Umgebung einpassen, und gleichzeitig eine Irritation in der alltäglichen Wahrnehmung von Natur provozieren. Wie Denes schon mit ihrem wogenden Weizenfeld mitten in New York gezeigt hat: Städte leben auch durch Kunst. 

Saskia Trebing

Rubriklistenbild: © Hedler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.