Nach documenta-Einspruch: Protestanten sagten Ausstellung ab

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Er baut begehbare Skulpturen: Gregor Schneider 2008 vor dem monumentalen Eingang seines Tunnels „END“ in Mönchengladbach. Seine für Kassel geplante Ausstellung wurde gestoppt.

Kassel. Die katholische Kirche ist wegen der Stephan-Balkenhol-Ausstellung in St. Elisabeth von der documenta-Leitung scharf angegriffen worden.

Die evangelische Kirche in Kassel hat eine für den Sommer geplante Ausstellung von Gregor Schneider derweil auf Wunsch der documenta frühzeitig abgesagt.

Und muss sich ihrerseits dafür kritisieren lassen. Mit dem 43-Jährigen hatte sich ein Ausschuss, der sich im Landeskirchenamt mit dem documenta-Begleitprogramm beschäftigte, auf einen der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler verständigt. Schneider wollte in und vor der Karlskirche mit einem Budget von 70.000 Euro eine Installation aus Überresten eines religiösen Festes in Kalkutta fertigen, die in einen Seitenfluss des Ganges geschüttet worden waren. Schneider hat Balken und Aufbauten aus dem Schlamm gezogen und nach Deutschland gebracht.

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Die Vorbereitungsgruppe, zu der er selbst gehörte, habe den „Fehler gemacht, die documenta-Leitung vorher zu fragen“, sagte der Direktor des Kirchbau-Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, Thomas Erne, dem Magazin „Blick in die Kirche“. Karl Waldeck, Direktor der Evangelischen Akademie Hofgeismar und als damaliger Sprecher der Landeskirche Mitglied des documenta-Ausschusses, erläutert, documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld habe bei Bischof Prof. Dr. Martin Hein interveniert.

Leifeld habe darauf verwiesen, dass die documenta umfangreich den Stadtraum bespielt und angekündigt, die Ausstellung im Außenbereich der Kirche werde auf Widerstand stoßen. Waldeck, der das traditionell gute Einvernehmen zwischen documenta und kurhessischer Kirche betont, spricht von Güterabwägung. Es sei im Vorbereitungsteam Konsens hergestellt worden, auf die Ausstellung zu verzichten.

Archiv-Videos zum Streit um die Skulptur auf St. Elisabeth

Sie sei nicht aus inhaltlichen Erwägungen gestoppt worden, bekräftigt er, sondern um dem Wunsch der documenta zu entsprechen. Waldeck äußert Verständnis dafür, dass sich jetzt Enttäuschung Luft macht - auch beim Künstler. Schneider, der sich zurzeit in Sydney aufhält, wo er ab 2. Juni ausstellt, nannte in der „Rheinischen Post“ das Verhalten der documenta „beschämend“. Eine Absage, wie die documenta sie durchsetze, lasse sich sonst „vermutlich nur in einer chinesischen Kleinstadt verwirklichen“. Sein Mönchengladbacher Galerist Dietmar Löhrl schimpft über die „üble Zensur“. Die documenta beanspruche auf skandalöse Weise die Kulturhoheit über Kassel.

Schneider hoffe noch, so Löhrl, dass seine Installation in Kassel verwirklicht werden könne. „Ein spannendes Projekt“, wie Karl Waldeck unterstreicht. Die Absage sei traurig, schade und „ein Verlust für Kassel und für die evangelische Kirche“, zumal Schneider mit überzeugender künstlerischer Kraft einen Beitrag zum interreligiösen Dialog leisten könne. Waldeck wünscht sich, dass sich die Kirche generell in der zeitgenössischen Kunst stärker engagiert - nicht nur in documenta-Jahren. Spätestens bei der documenta 14 würden „die Karten neu gemischt“.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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