Offener Brief an die documenta

Nach Protest gegen Waffenindustrie: Dechant Fischer kritisiert Platzverweis

Hans Eitle protestierte bei der documenta 14 mit diesem Schild auf dem Friedrichsplatz.

Kassel. Ein Vorfall, bei dem ein Demonstrant von der documenta GmbH des Platzes verwiesen wurde, sorgt weiter für viel Aufregung. Der Mann hatte auf dem Friedrichsplatz in Kassel protestiert.

Hans Eitle aus Bad Zwesten im Schwalm-Eder-Kreis hatte vergangenen Samstag vor dem „Parthenon der Bücher“ mit einem Schild gegen den Kasseler Panzerbauer „Krauss-Maffei-Wegmann“ protestiert. Daraufhin wurde von der documenta GmbH des Platzes verwiesen.

Der Kasseler Dechant Harald Fischer hat dies zum Anlass genommen, Adam Szymscyk, dem künstlerischen Leiter der documenta 14, und Annette Kulenkampff, Geschäftsführerin der documenta GmbH, einen offenen Brief zu schreiben, in dem er den Platzverweis kritisiert.

Hier veröffentlichen wir den offenen Brief in voller Länge:

Sehr geehrte Frau Kulenkampff, sehr geehrter Herr Szymcyk,

mit Bedauern habe ich in der HNA vom 22. Juni gelesen, dass Hans Eitle, ein Bürger aus der Region, der am vergangenen Samstag in Marta Minujíns Installation „Parthenon der Bücher“ gegen Kassel als Standort der Rüstungsindustrie protestierte, des Platzes verwiesen wurde.

Ich kann diesen Verweis von Seiten der documenta nicht verstehen. Sie haben den „denkenden Körper, der sich dem Machtapparat entgegenstellt“ als „Zeichen der Zeit“ folgerichtig auf Ihre künstlerische Tagesordnung gesetzt. Es darf doch eigentlich nicht sein, dass ein Protest, der nach meinem Dafürhalten ganz auf Ihrer Linie liegt, keinen Platz in einem Kunstwerk hat, das die Tabuisierung von Gedankenwelten und das Verbot öffentlicher Rede darüber auf beeindruckende Weise zum Ausdruck bringt! Der „Parthenon“ als Symbol für die Wiege unserer Demokratie müsste doch der Ort in unserer Stadt für diese Art des öffentlichen Widerspruchs und des Aufmerksam- Machens auf Missstände und der Debatte sein! Es verwundert geradezu, dass die Künstlerin oder Sie bisher dazu nicht eingeladen haben!

Ihr Argument, dass Sie verständlicherweise in direkter Nähe zu einem documenta-Kunstwerk kein anderes Kunstwerk präsentiert haben wollen, ist nachvollziehbar, greift in diesem Fall aber nicht. Für mich stellt der Protest von Hans Eitle kein konkurrierendes Kunstwerk dar, sondern eine politische Aktion „Parthenons der Bücher“ aufgreift und dort mit Fug und Recht ihren angemessenen Platz einnimmt.

Könnte nicht gerade dieses Kunstwerk Ort politischer Diskussionen werden? Und damit eine aktualisierte Tiefe erlangen, die über das Bauwerk an sich hinausgeht?

Angesichts der Auseinandersetzung um den Platzanspruch der documenta, in der unsere Einrichtungen schwierige wie lösungsorientierte Erfahrungen miteinander gemacht haben, ist mir das Anliegen des Protests von Hans Eitle, Kassel von einer Stadt der Rüstungsindustrie in eine Stadt der Rüstungskonversion zu verwandeln, besonders wichtig.

Dechant Harald Fischer

Es ist offensichtlich, dass Rüstungslieferungen an Konfliktbeteiligte nichts zu einer Friedenslösung beitragen; im Gegenteil; sie verstärken Leid und Ausweglosigkeit. Die hier ansässigen Rüstungsfirmen Krauss Maffei Wegmann und Rheinmetall tragen mit ihrem produktionstechnischen wie händlerischen Knowhow wesentlich dazu bei. Das muss sich hier in Kassel ändern.

Das ist auch seit Jahren schon Thema in der Stadt mit vielfältigen Aktionen und dem Versuch 2012, einen entsprechenden Beschluss der Stadtverordnetenversammlung herbeizuführen.

Jetzt liegt es mehr als nahe, es im Rahmen der von Ihnen so überzeugend politisch konzipierten documenta 14 zu aktualisieren. Ich schlage deshalb vor, dass wir in einer gemeinsamen Veranstaltung den „Parthenon der Bücher“ – wenn nicht er, welcher Ort dann? – als Forum nehmen, dieses Thema für alle Kasseler Bürgerinnen und Bürger öffentlich und „unter freiem Himmel“ zu diskutieren und als Ausgangspunkt für einen städtischen Wandlungsprozess zu gestalten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diesem Vorschlag zustimmen!

Wir als katholische Kirche tragen gerne unsere Ressourcen dazu bei, damit eine solche Veranstaltung gelingt. Ich bin überzeugt, dass wir dafür auch weitere städtische und kirchliche Kooperationspartner/innen gewinnen werden. Ein Termin nach den Ferien würde uns die notwendige Zeit der Vorbereitung geben. Ein Beginn nach 20 Uhr störte den Ausstellungsbetrieb nicht usw. Details wären gemeinsam festzulegen.

„Von Athen lernen“ heißt nicht nur, Demokratie immer wieder neu zu initiieren, sondern auch Öffentlichkeit, freie Rede, Wandlungsprozesse zu riskieren. Ich kann mir in dieser Hinsicht keinen Dissens zwischen uns persönlich wie zwischen unseren Einrichtungen vorstellen.

Sie, lieber Herr Szymczyk, haben gesagt: „Es geht um den individuellen, den denkenden Körper, der sich dem Machtapparat entgegenstellt. Ich denke, das ist das Schlüsselmoment. Und die Künstler sind bestens gewappnet, um sich diesem Schlüsselmoment zu stellen.“ Lassen Sie uns gemeinsam dafür Sorge tragen, dass die Bürger/innen in diesem Sinn und beim Thema „Rüstungskonversion statt Rüstungsproduktion“ von den Künstlern lernen können.

Mit zuversichtlichen und herzlichen Grüßen

Dechant Harald Fischer

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