Für Kontakte in die Schulen zuständig

Netzwerken für die Bildung: Juliane Gallo ist "Kulturagentin" für documenta 14

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Juliane Gallo

Kassel. Juliane Gallo schafft als „Kulturagentin“ der documenta 14 die Verbindung der Weltkunstschau zu acht in einem Bewerbungsverfahren ausgewählten Schulen in Stadt und Landkreis Kassel.

Aktualisiert am 21.3.2017 um 10.37 Uhr - Die 52-Jährige bringt unter den Mitarbeitern im documenta-Team, die oft von weither extra nach Kassel ziehen, langjährige Erfahrung sowohl in der Kunstvermittlung wie in der Kasseler Kunstszene mit - beides kommt ihr jetzt zugute.

Die Documenta 11 von Okwui Enwezor 2002 war für Gallo so etwas wie eine Initialzündung, seither weiß sie, wie viel Spaß ihr die Vermittlung von Kunst macht. Unter anderem bei der Museumslandschaft Hessen Kassel hat sie Menschen für Ausstellungen begeistert. Zuletzt war sie für die Vermittlung im Fridericianum zuständig: „Da war ich so richtig in meinem Element.“

So dicht dran am Weg zu einer documenta war Gallo noch nie. Bisher hat sie bei Führungen weitergegeben, was andere erarbeitet haben, jetzt erlebt sie den Entstehungsprozess - auch als Ausbilderin der künftigen „Choristen“ - unmittelbar. Daraus Workshops und Projekte für Schüler zu generieren, erweist sich allerdings als schwierig - weil ja noch nichts konkret zu sehen ist.

Die Schüler können nicht einfach ein Museum als „außerschulischen Lernort“ besuchen und sich dann damit auseinandersetzen. Und: Es ist eine Herausforderung, documenta-Themen in den Schulalltag zu integrieren, der vom 45-Minuten-Takt und davon bestimmt ist, den Stoff des Lehrplans zu bewältigen. Von einigen Ideen ist Gallo, die in allen beteiligten Schulen hospitiert und alle vier Wochen die Kulturbeauftragten der Schulen zum Austausch einlädt, aber sehr angetan: Das Vokabular der documenta, das komplizierte Begriffe wie „Hybrid“ oder „anthropozentrische Weltsicht“ beinhaltet, in einer Art Glossar oder Almanach nach und nach aufzuschlüsseln und zu erläutern, ist ein Vorschlag.

Die Goethe-Schüler wollen eine Sonderausgabe ihrer preisgekrönten Schülerzeitung „Umlauf“ mit ungewöhnlicher grafischer Gestaltung der documenta widmen, als eine Art documenta 2017-Handbuch für ihre Mitschüler. Recherchen im documenta-Archiv sind möglich, wenn es um die Geschichte der Ausstellung geht, Ziel ist aber auch, experimentelle Methoden der Aneignung und neue Sichtweisen im Umgang mit Kunst zu ermutigen und auszuprobieren, wenn etwa Gemälde als lebende Bilder, „tableaux vivants“, nachgestellt werden.

Gallo profitiert davon, dass sie eine begeisterte Netzwerkerin ist, mit zahlreichen Kontakten zu Sponsoren wie auch zu Kasseler Künstlern. Die will sie auch für die Kulturagenten-Workshops gewinnen. Den Austausch innerhalb der Kasseler Szene empfindet Gallo als „ein ständiges Dazulernen“.

Nicht nur die Begegnungsstätte Amos für Menschen mit und ohne Behinderung liegt ihr am Herzen, Gallo war auch in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in der Unterkunft an der Landesfeuerwehrschule engagiert: „Das hat sich ganz positiv auf mein Leben ausgewirkt.“ Ein halbes Jahr lang sorgten dort bis zu 60 Kulturschaffende und Studenten täglich für Kulturangebote: „Es war mehr als wertvoll, so viele Kontakte aufzubauen.“

2011 hat die Stiftung Mercator in fünf Bundesländern das Kulturagenten-Programm ins Leben gerufen. Es soll dazu beitragen, kulturelle Bildung dauerhaft und nachhaltig in Schulen zu verankern. Zur documenta 14 finanziert die Stiftung ein ähnliches Projekt in Kassel. Juliane Gallo, die zunächst bei einer Kulturagenten-Mentorin in Oberhausen hospitiert hat, hat Kriterien für die Auswahl entwickelt und das Verfahren geleitet - „angesichts vieler toller Bewerbungen nicht ganz einfach“: Acht von 32 interessierten Schulen kamen zum Zuge, vertreten sind unterschiedliche Schulformen aus Stadt und Kreis: Friedrich-List-Schule, Goethegymnasium, Hegelsbergschule, Jean-Paul-Schule/Freie Waldorfschule, Losseschule, Söhreschule Lohfelden, Wilhelm-Filchner-Schule Wolfhagen, Theodor-Heuss-Schule Baunatal. Das Budget beträgt 8000 Euro pro Schule.

www.stiftung-mercator.de

Zur Person:

Die gebürtige Hannoveranin Juliane Gallo (52) ging nach ihrem Abitur in Göttingen als Au-pair nach Rom, wurde zur Schauwerbegestalterin im Textileinzelhandel (Dekorateurin) ausgebildet, lebte zeitweilig in Malaga, arbeitete für eine Werbeagentur und studierte Kunstgeschichte, Spanisch und Italienisch in Kassel. Die Mutter eines Sohnes war unter anderem für die Museumslandschaft Hessen Kassel tätig, darunter bei der „König-Lustik“-Ausstellung 2008, sie war Kulturreferentin im Augustinum, arbeitete beim Studienreisen-Anbieter Studiosus und verantwortete die Kunstvermittlung im Fridericianum, ehe sie über das Kulturagenten-Projekt der Mercator-Stiftung ins documenta-Team wechselte.

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