Das steckt hinter dem rätselhaften Text über dem Eingang

Neue Inschrift am Fridericianum ist documenta-Kunst

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Ungewohnter Schriftzug am Hauptgebäude der documenta: Viele Passanten können die Aussage am Portikus des Museums Fridericianum nicht auf Anhieb entschlüsseln und sehen zunächst nur Buchstabensalat.

Kassel. Eine Woche vor dem Start der documenta 14 hat der Portikus des Fridericianums am Samstag eine neue Inschrift erhalten: Anstelle des gewohnten Schriftzugs „Museum Fridericianum“, der schon vor einiger Zeit vorläufig abgenommen wurde, brachten Arbeiter neue Buchstaben an.

Die Bedeutung des neuen Texts erschließt sich nicht jedem Passanten auf Anhieb, weil die Zwischenräume zwischen den englischen Wörtern weggelassen wurden. Über dem Eingang des documenta-Hauptgebäudes steht nun: „Being safe is scary“ – zu deutsch: „Sicher zu sein ist beängstigend“.

Die vorübergehende neue Inschrift ist ein documenta-Beitrag der 1970 in Ankara geborenen Künstlerin Banu Cennetoglu, die derzeit bereits mit einer Arbeit am Athener Standort der Weltkunstschau vertreten ist. In den Gärten der Gennadius-Bibliothek in der griechischen Hauptstadt zeigt sie ein großes, stählernes Bücherregal, in dem sich 107 buchförmige Kalksteinplatten mit Datumszahlen auf den Rücken befinden.

Dieses fast zwei Tonnen schwere Werk namens „Gurbet’s Diary“ ist der Journalistin Gurbetelli Ersöz gewidmet, die als einzige Frau Chefredakteurin einer pro-kurdischen Zeitung in der Türkei war. Nachdem sie gefangen genommen und gefoltert worden war, schloss sie sich 1994 der kurdischen Guerrilla an und führte ab 1995 ein Tagebuch, bis sie 1997 im Kampf ums Leben kam.

Das Tagebuch von Gurbetelli Ersöz war nach der Erstausgabe 1998 in Deutschland vor drei Jahren auch bei einem kleinen linken Verlag in der Türkei veröffentlicht, aber kurz darauf verboten worden.

Mit dem künstlerischen Statement, dass Sicherheit auch Angst macht, spielt documenta-Teilnehmerin Banu Cennetoglu auf den Zwiespalt der Journalistin Ersöz zwischen einem Leben als Intellektuelle und als Freiheitskämpferin an. Nach Athen wird ihre Geschichte nun in Kassel weitererzählt.

Dort ergänzt die neue, temporäre Inschrift am Fridericianum sinnfällig den Ansatz des benachbarten „Parthenon der Bücher“, denn auch bei dem Kunst-Bauwerk der Argentinierin Marta Minujín geht es um verbotene Literatur.

Ein künstlerisches Mittel gegen solche Verbote hat Banu Cennetoglu mit ihrer Arbeit in Athen vorgeschlagen: Die steinernen Bücher von „Gurbet’s Diary“ sind Lithographiesteine und zeigen Seiten des verfemten Tagebuchs, fertig vorbereitet für einen neuerlichen Druck.

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