Neues Leben an toten Orten: Wie die documenta die Stadt entdeckt

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Lange Gerade: Die Lagerhallen neben dem ehemaligen Zollamt im Nordflügel des Kulturbahnhofs. 

Kassel. Wer schon einmal den langen Weg über das Kopfsteinpflaster zwischen den Lagerhallen nördlich des Kulturbahnhofs gegangen ist, ahnt, warum die documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev ihrer Kunstschau das Wort „Maybe“ mitgegeben hat.

„Vielleicht Vermittlung“ heißen die Führungsangebote. Hier, auf der nicht enden wollenden Geraden, fragt man sich ohne Guide: „Sind wir vielleicht falsch hier?“ Am Ende des Weges sieht man Lara Favarettos Schrottskulptur „Momentary Monument IV“ und denkt, man sei in einer sibirischen Steppe gelandet. Gerade deswegen ist man richtig hier. Die documenta 13 bindet die Stadt ein wie keine Kunstschau vor ihr – und sie entdeckt urbane Flächen für die Besucher neu. Wie die riesigen Lagerhallen neben dem ehemaligen Zollamt im Nordflügel des Kulturbahnhofs, in dem William Kentridges Multimedia-Installation „The Refusal of Time“ zu sehen ist.

Die Zeit kann nicht aufgehalten werden, auch nicht von der Bahn, deren Liegenschaften seit Jahren zum Teil leer stehen. Ein ganzer Stadtteil könnte auf dem 75 000 Quadratmeter großen Gelände entstehen.

Noch viel länger ungenutzt war das Hugenottenhaus in der Friedrichstraße, von dem die wenigsten wussten, dass es das überhaupt gibt. Nun hat Theaster Gates aus Chicago dort eine Künstlerkommune gegründet. Die Besucher schauen in die Wohnzimmer der Bewohner und hören Gates und seinen Freunden beim Musikmachen zu. Von der Feuerleiter hinter dem Haus blickt man auf einen Innenhof, wie ihn Gangster in alten Film-noir-Streifen zur Flucht vor der Polizei genutzt haben. Die Friedrichsstraße bietet großes Kino. Kassel ist halt doch nicht die „hässlichste Stadt westlich Sibiriens“, wie ein US-Kunstkritiker einst schrieb.

Kaum eine Stadt hat so einen schönen Weinberg, den die documenta zum ersten Mal zugänglich macht. Wo einst die Villa des Fabrikanten Henschel stand, kraxelt der Kunstwanderer nun an Tonskulpturen des Argentiniers Adrián Villar Rojas vorbei nach oben, wo er dem Tod in Form des Sepulkralmuseums ins Auge sieht.

Die d13 erweckt viele Orte wieder zum Leben. Das leer stehende Finanzamt an der Spohrstraße wollte vor Jahren eigentlich der Starclub zu seinem Varieté-Zuhause machen, was dann doch nicht klappte. Nun zeigt die Britin Tacita Dean dort Kreidezeichnungen von afghanischen Landschaften.

Selbst die Konsumwelt kann man neu entdecken. In das Kaufhof-Untergeschoss hat die Brasilianerin Renata Lucas das Fundament einer fiktiven Pyramide bauen lassen, die sich durch die gesamte Innenstadt erstrecken würde. Und neben der Kinderabteilung von C&A beschallt der Türke Cevdet Erek mit Minimal Techno den „Raum der Rhythmen“, der in Berlin-Mitte das neue Berghain wäre – zumindest vielleicht.

Die d13 an diesen urbanen Orten ist wie die offizielle Schreibweise „dOCUMENTA (13)“: Sie macht Mühe, sieht nicht immer gut aus, aber sie ist spannend und zeigt uns die Stadt, wie wir sie noch nie gesehen haben.

Von Matthias Lohr

Quelle: mydocumenta

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