Abschluss des Projekts in Kassels Untergrund

Nikhil Chopra reiste 3000 Kilometer von einer documenta-Stadt in die andere

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Nikhil Chopra

Kassel. Er hat sein ganz eigenes Tempo und summt leise eine melancholische Melodie, sie klingt wie ein trauriges Liebeslied – und er malt. In beides legt er all sein Gefühl. Seine Konzentration. Stundenlang. Mit blauer Kreide arbeitet er sich im Inneren seines Zeltes Zentimeter für Zentimeter auf dem hellen, meterlangen Innenwand-Stoff vor.

Das achteckige Zelt des indischen Künstlers Nikhil Chopra steht an einem ungewöhnlichen Ort: auf dem Bahnsteig der vor zwölf Jahren stillgelegten unterirdischen Straßenbahnhaltestelle unter dem Kulturbahnhof.

Chopra nennt sich auch Reisekünstler. Blickt man sich in dem Untergrund um, wird klar, warum: An einer Wand, über die ganze Länge des Bahnhofs, sind bemalte Zeltwände gespannt – Erinnerungen an Gebäude, die er gesehen, und Landschaften, die er durchquert hat. Vor drei Wochen hat sich Chopra mit seinen Begleitern auf die Fahrt gemacht – mit Auto und Anhänger mit Kasseler Nummernschild. Von Athen nach Kassel. Von einer documenta-Stadt in die andere. 3000 Kilometer haben sie zurückgelegt und viel erlebt. Er habe Europa den Puls gemessen, heißt es.

Mal schlug der Puls schnell, dann wieder langsam. Chopra gab das Tempo vor und wurde auch ausgebremst. Von der Polizei. Denn es gab auf der Reise Ärger mit den Behörden. In Ungarn zum Beispiel. Während Chopra dort sein handgenähtes Zelt in einer Innenstadt aufschlagen wollte, um zu malen, fehlten ihm die nötigen Genehmigungen dafür. „Keine angemeldete Aktion“, habe die Polizei gesagt. Eine Geldstrafe sei ihm angedroht worden.

„Eine Linie durch die Landschaft ziehen“ (Drawing the Line through Landscape) heißt sein Projekt. Dabei geriet Chopras an Grenzen – ganz praktisch und unmittelbar in Berührung mit den Hauptthemen der documenta 14. Migration, herrschende Klasse, Grenzen, Identität. Und: Er lebte die Idee, die Weltkunstausstellung erstmals an zwei Standorten spielen zu lassen.

In Athen hatte Chopra die Wände einer Ex-Taverne mit so etwas wie Höhlenmalerei versehen. Dann startete seine nomadische Reise. Dabei ging es auch idyllisch, fast romantisch und im Zeitlupentempo zu, das zeigt ein Video. Reglosigkeit und Bewegung. Einsiedlertum und Gesellschaft. Das sind seine Themen. Momente, die er in seinen großformatigen Zeichnungen festgehalten hat. Die Zeit, die er damit verbringt zu reisen und zu malen, wird zum Maß seiner Arbeit.

Eine rote Linie auf dem Bahnsteig: Beim Aufbringen der Farbe in Kassels unterirdischer Landschaft bekam der erschöpfte Nikhil Chopra Unterstützung.

Jetzt liegt die Reise, sein d14-Projekt hinter ihm. Eine letzte Performance.      Gerade noch hat er einen roten Streifen auf den toten Bahnsteig gemalt – eine trennende Linie. Und: Er ist erschöpft dabei, sein letztes Bild der Serie auf der Zeltwand fertigzustellen. Seine Finger und Hände sind blau. Er schüttelt sie aus, hat Schmerzen. Aber er will sein Projekt abschließen. Immer wieder pausiert er kurz. Legt sich auf den mit Kissen ausgelegten Boden des Zeltes. Es ist Atelier und Schlafstätte.

Um ihn herum sitzen documenta-Besucher. Sie schweigen oder flüstern. Beobachten den großen, bärtigen Mann in dem schwarzen Rock, mit dem reich mit Pailletten bestickten Folklore-Oberteil. Sie fotografieren ihn mit ihren Handys. Unsicher. Fast ehrfürchtig. Sprechen will der Künstler nicht und auch nicht gestört werden. Das macht er durch einen ganz auf sein Werk fokussierten Blick deutlich. Dabei wirkt er nicht ablehnend auf die vielen Zuschauer, eher geschäftig auf eine meditative Art. Zerbrechlich. Poetisch.

Dazu passt der großflächig aufgetragene Lidschatten. Der ist so blau wie die Farbe auf der Wand, die immer mehr zu einem Meer wird und einen beim Betrachten in die Wellen hineinzuziehen scheint. Im documenta-Trubel nach wenigen Minuten zur Ruhe kommen lässt.

All das fühlt sich kurios an: Mitten in Kassels Untergrund, auf einem stillgelegten Bahnhof, in einem achteckigen, bemalten Zelt bleibt plötzlich die Zeit stehen – wohl auch, weil hier keine Bahnhofsuhr mehr tickt und Nikhil Chopra das Tempo bestimmt.

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