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Straßenrestaurant Al Wali am Hallenbad Ost: vom Geheimtipp zur documenta-Oase

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Von: Tibor Pezsa

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Mazen Nouraldin (rechts) in seinem Imbiss „Al Wali“ bedient (von links) Dora Kraft und Evelin Wiesemann.
Alle Speisen frisch und selbst zubereitet: Mazen Nouraldin (rechts) in seinem Imbiss „Al Wali“ bedient (von links) Dora Kraft aus Baunatal und Evelin Wiesemann aus Bad Wildungen. © Andreas Fischer

Die documenta fifteen will auch ein Ort der Vernetzung und des Zusammenseins sein. Neben dem Hallenbad Ost ist das an einem Imbiss gut gelungen.

Kassel – Von Anfang an wollte die documenta fifteen mehr sein als nur eine Kunstausstellung. Sie wollte Beziehungen in der Stadt aufnehmen, suchte nach Orten, an denen besondere Menschen besondere Dinge tun. Neben dem Hallenbad Ost in der Leipziger Straße, einem der spektakulären documenta-Standorte, ist so ein Ort: Dort betreibt der Syrer Mazen Nouraldin (45) seit 2019 seinen Imbiss „Al Wali“. Das tut er auf eine Weise, die ihn nicht nur nebenbei in die erste Liga der internationalen Kunstwelt beförderte, sondern in die Herzen seiner vielen Gäste.

Wer einmal bei Al Wali war – „Straßenrestaurant“ passt besser als „Imbiss“ – merkt bald, dass das wichtigste Angebot des vierfachen Familienvaters nichts kostet und trotzdem in Fülle über die Theke geht: Optimismus, Lebensfreude, Zugewandtheit.

68 orientalische Gerichte mit den wundersamsten Variationen von Nüssen und Kreuzkümmel, Koriandersamen, Kardamom, Kurkuma, Paprika, Pfeffer, Minze und Knoblauch bietet Nouraldin an. Alle Speisen hat er selbst zubereitet, mit frischen Zutaten, viele fleischlos. Aber auch syrische Klassiker wie das Schawarma, mariniertes Fleisch vom Spieß. „Geld ist nicht alles“, sagt Nouraldin, zufriedene Gäste sind ihm wichtiger. Zur documenta hat er seine Preise nicht erhöht. Stolz zeigt er auf massenhaft Fünf-Sterne-Bewertungen im Internet und an die 5000 Facebook-Freunde, die sich bei ihm mit zahllosen Bildern und Videos für Buffets und Speisen auf allen möglichen Festen bedanken.

Denn er bietet auch Catering an, alles aus seiner kleinen, feinen Küche in dem alten KVG-Pavillon. Wenn es sein muss, auch für Hunderte Gäste. Falls die Arbeit mal länger dauern sollte, hat Nouraldin dort in einem Nebenraum eine Liege.

„Ich fange morgens um fünf Uhr an und höre abends um zehn Uhr auf“, sagt er, während hinter ihm auf dem Gasherd ein riesiger Topf voller Kichererbsen für den noch jungen Tag köchelt. In einem anderen Topf hat er Bohnen über die Nacht eingeweicht. Selbstverständlich bereitet Nouraldin seinen Hummus in allen Teilen selbst zu, Ehrensache.

Er erzählt, wie er noch ein kleiner Junge war und seine Mutter immer wieder bat, ihn doch auch kochen zu lassen. Als er dann eines Tages ein eigenes Zatar zubereitete, lobte der Vater die Mutter für die bis dahin für unmöglich gehaltene Verbesserung. Das war die Geburt des Kochs Mazen Nouraldin.

Im nordwestsyrischen Idlib gründete der 17-Jährige sein erstes Restaurant mit sechs Rezepten, erst ein kleines, dann ein richtig großes mit elf Mitarbeitern. Doch dann kam der Krieg. Er musste zusehen, wie eine Rakete sein Restaurant zerstörte. Dann wurde auch seine Wohnung zerbombt. Er verlor alles, verließ seine Heimat und fand eine neue in Kassel.

Seine Frau und seine Kinder folgten ihm nach. „Ohne sie hätte ich das alles hier nicht geschafft“, sagt er. Seine Frau sei sogar noch eine bessere Köchin als er. Beide lernten fließend Deutsch, Kassel wurde zu ihrer neuen Heimat. Nouraldins Frau bildete sich weiter, schaffte einen Schulabschluss, arbeitet heute als Altenpflegerin. „Ich danke Deutschland“, sagt er. „Al Wali“, das heißt übersetzt übrigens so etwas wie „Der Höchste, der Beschützer“.

„Zatar macht klüger“, pflegte früher seine Mutter zu sagen, wenn sie es den Kindern als Pausenspeise in die Schule mitgab. Bei Al Wali kann man es für 6,50 Euro als Teil eines speziellen documenta-Tellers probieren, begleitet von köstlichen Dips und verschiedenen Soßen.

Und nach der documenta? „Ich träume von einem freien Tag in der Woche. Ich denke, Montag wird’s“, sagt Nouraldin. Er ist der Chef.

„Eine Landschaft“: Orte des Engagements – nicht nur zur documenta

Der Imbiss Al Wali ist Teil des Projekts „Eine Landschaft“ des Düsseldorfer Künstlers Markus Ambach im Rahmen der documenta. Dazu gehört der „Urbane Parcours“, erkennbar an einem blauen, auf die Wege gesprühten Strich, der neun Orte östlich der Fulda verbindet.

Der Pfad beginnt in der Blücherstraße am Ahoi-Gelände (dort arbeitet der Künstler Rene Wagner) und führt über weitere Stationen: Mitmachladen, Blüchergarten, Solawi-Gärtnerei Fuldaaue („Solidarische Landwirtschaft“) mit Selbsterntegarten und einer Flugzeugtreppe in einem Feld als Monument für den Begründer der Spaziergangswissenschaft, Lucius Burckhardt, Meister Florian (Oldtimer- und Jaguar-Spezialist Andreas Vollmann), Kleingärtnerverein Schwanenwiese mit Schreber-Museum, Festplatz Schwanenwiese und schließlich Al Wali in der Leipziger Straße 79. An mehreren dieser Stationen ist eine Projektzeitung mit näheren Informationen erhältlich.

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