Debatte um Defizit der documenta 14 und Ausrichtung

Offener Brief: Unterzeichner stellen Forderungen an documenta-Aufsichtsrat

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Mehrkosten durch Athen: Das Marmorzelt der kanadischen Künstlerin Rebecca Belmore war in der griechischen Hauptstadt und später auf dem Weinberg in Kassel zu sehen. Unser Bild entstand beim Aufbau am 2. August 2017.

Kassel. In der Debatte um das Defizit der documenta 14 und die künftige Ausrichtung der Ausstellung haben sich jetzt Museumsleiter, Professoren und Kuratoren in einem Offenen Brief zu Wort gemeldet.

Etwa 130 Unterzeichner warnen in einem Offenen Brief an die Mitglieder des Aufsichtsrats vor allen Überlegungen, die documenta „im Sinne einer reinen Kommerzialisierung und Vermarktung der Marke documenta“ umzustrukturieren und die „Freiheit der Kunst zu minimieren“. 

Zu den fünf Forderungen gehört, documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, die zum 1. Juni ihren Posten räumen soll, weiterzubeschäftigen. Die Schuldzuweisung an sie wie an den zweiten Standort Athen sei „schlicht falsch“: „Dass die gemeinsame Wahl eines zweiten Standortes Zusatzkosten verursachen kann, war allen Beteiligten bekannt. Das Kostenrisiko wurde rechtzeitig kommuniziert.“ Oberbürgermeister Christian Geselle habe andererseits kein Problem gehabt, wie eine Fußnote ergänzt, als Stadtverordneter das Millionen-Defizit des Hessentags in Kassel zu vertreten.

Die Auflösung des Vertrags mit der Geschäftsführerin wird als „vehementer Eingriff durch die lokale und regionale Politik“ beschrieben, als „den Versuch, sich einer unabhängigen Struktur zu bemächtigen und sich dabei mit Annette Kulenkampff zuerst jener Person zu entledigen, die auf besonders unbequeme Art für die künstlerische und wissenschaftliche Autonomie der documenta gebürgt hatte“.

Dabei handelten dieselben Politiker, „die sich außer Stande sahen, auf die Entgleisungen der AfD zu reagieren, die ein Kunstwerk von Olu Oguibe als ,entstellte Kunst‘ bezeichneten und damit eindeutig auf faschistische Terminologien zurückgriff“.

Das Schreiben listet eine Reihe von „nun lancierten Überlegungen“ für die Neuausrichtung der documenta auf, von der Aufhebung ihres gemeinnützigen Status über eine Eingliederung der Öffentlichkeitsarbeit in das Stadtmarketing bis zu einer Neuverteilung der finanziellen Risikolast: „Die geplanten rechtlichen Rahmenbedingungen bedeuten nichts Anderes, als die Ausrichtung der konzeptionellen wie künstlerischen Freiheit an rein haushälterischen Maßstäben.“

Zu befürchten sei, dass „eine international agierende und einflussreiche Kulturinstitution in Deutschland in ihrem Image erheblich beschädigt wird und damit auch das Bild Deutschlands im Ausland“.

Die Forderungen

1. Ein „internationaler Expert_innenbeirat“, der einen zukunftsweisenden, verbindlichen Kriterienkatalog für die documenta entwirft.
2. Der Rechtsstatus als gemeinnützige GmbH wird beibehalten.
3. Die Planungen der wissenschaftlichen Aufbereitung und Vermittlung des documenta Archivs, zur sachgerechten Betreuung der Kunst im öffentlichen Raum und der Erneuerung der documenta sollen fortgesetzt werden.
4. Das Budget soll an die Anforderung eines globalen, weltweit wirksamen und in seiner Dimension einzigartigen Kunstereignisses angepasst werden.
5. Die Fortbeschäftigung Annette Kulenkampffs, „da sie die documenta vielversprechend ausgerichtet hat“.

Die Unterzeichner 

Unterschrieben haben etwa Kasper König, Leiter der Skulptur Projekte Münster, ZKM-Direktor Peter Weibel, d12-Kuratorin Ruth Noack, Marion Ackermann (Generaldirektorin Dresden), Volksbühnen-Intendant Chris Dercon und Krist Gruijthuijsen (KW Berlin), aber auch Künstler wie Alexander Kluge, Wolfgang Tillmans, Hito Steyerl, Monika Bonvicini und Olaf Nicolai. Ebenfalls dabei: René Block, ehemals Leiter der Kunsthalle Fridericianum, Yilmaz Dziewior (Museum Ludwig Köln), Dirk Luckow (Deichtorhallen Hamburg), Matthias Mühling (Lenbachhaus München), Heike Munder (Migros Museum Zürich), Ulrike Groos (Kunstmuseum Stuttgart).

Kommentar zum Offenen Brief an den documenta-Aufsichtsrat

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