Ohne die Ohrstöpsel geht es nicht

Aufsichten bewachen in Fünf-Stunden-Schichten die d13-Werke

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Für eine Pause von der Dauerbeschallung: Julian Schmidt hat immer Ohrstöpsel dabei, wenn er für die Klanginstallation von Florian Hecker im Südflügel des Kulturbahnhofs eingeteilt ist.

Kassel. Wenn die Nummer 77 auf dem Dienstplan steht, steckt Julian Schmidt auf jeden Fall eins ein: Ohrstöpsel. Hinter dem Kunstwerk Nr. 77 verbirgt sich eine ziemlich nervenaufreibende Klanginstallation des Künstlers Florian Hecker im Südflügel des Kulturbahnhofs.

Selbst viele Besucher halten sich die Ohren zu, wenn sie den Raum im Erdgeschoss betreten - und meist zügig wieder verlassen. Die Möglichkeit haben die Aufsichten nicht, die jeweils für Fünf-Stunden-Schichten eingeteilt sind.

„Ohne die Ohrstöpsel geht es nicht“, sagt Julian Schmidt und holt die Ohrstöpsel aus der Hosentasche, die er von der documenta zur Verfügung gestellt bekommt. „Das ist eine Form von Arbeitsschutz“, sagt der 29-Jährige und grinst. Die Klanginstallation findet er trotzdem interessant. „Es geht um Überschneidungen von Tönen und Geräuschen.“

Als ihn um 15 Uhr sein Kollege Tobias Knauf ablöst, stellt er sich gleich mit Ohrenschutz an die Tür zu dem 77er-Raum. „Ich habe es aber auch schon zwei Nachmittage ohne geschafft“, sagt der 33-Jährige. Wenn man länger zuhöre, gewöhne man sich an die Klangkulisse. „Dann versteht man irgendwann auch die Sprachsequenzen besser.“

Auch in der Aue gibt es ein Kunstwerk, das die Nerven des Aufsichtspersonals auf die Probe stellt: In der Hütte von Tarek Atoui erklingt dissonante Musik. „So belastbar ist man schon, dass man das mal aushält“, sagt Aufsicht Peter Gebhardt (28). „Man sitzt ja nicht direkt vor den Boxen.“

Wünschen und rotieren

Natürlich gebe es einige Kunstwerke die bei den Aufsichten stärker nachgefragt seien als andere, sagt Peter Pirnay, Teamleiter der Aufsichten in der Aue. Die Hundebesitzer beispielsweise würden gern den Hunde-Spielplatz von Brian Jungen beaufsichtigen, auch das Hypnosehaus von Marco Lutyens und Fiona Halls Jagdhütte seien sehr beliebt. Man probiere, Wünsche zu berücksichtigen und zugleich dafür zu sorgen, dass die Einteilung rotiert, sagt Pirnay. „Wir wollen ja auch jedem ermöglichen, alles mal zu sehen.“

Bastian Pook schätzt die Abwechslung – und setzt sich jedem Werk gern aus. „Es gibt ja viel Kunst, über die man länger nachdenken muss“, sagt der 19-jährige Abiturient. „Wenn man fünf Stunden daneben steht und hört, was die Leute so reden, kriegt man viel mit.“ Die Publikumsrenner unter den Kunstwerken gefallen meist auch den Aufsichten. Allerdings sei der ständige Andrang an der Hütte von Fiona Hall auch anstrengend, sagt Brigitte Slater (56). Schließlich blieben die begeisterten Besucher meist lange in dem Häuschen, und man dürfe immer nur fünf Personen gleichzeitig hineinlassen.

Auch an der hölzernen Nähwerkstatt von István Csákány im Kulturbahnhof ist die junge Aufsicht so damit beschäftigt aufzupassen, dass niemand die empfindliche Kunst beschädigt, dass sie bei Fragen nicht mal den Blick zu den Besuchern wenden kann.

Von Katja Rudolph

Quelle: mydocumenta

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